N. G., Köln

Im Kölner Fernsehstudio C ist ein ritterlicher Wettstreit entbrannt: Junge Journalisten aus Italien, Spanien, Griechenland und der Türkei testen dort Anmut und Liebenswürdigkeit von Ansagerinnen, die den Gastarbeitern Nordrhein-Westfalens jetzt ein bißchen Heimat auf den Fernsehschirm zaubern sollen. Innerhalb des regionalen III. Programms, vom Westdeutschen Fernsehen, das unter der Leitung von Werner Höfer am 17. Dezember mit seinen Sendungen begann, sind abwechselnd von montags bis freitags zehn Minuten am Abend den Italienern, Griechen, Spaniern und Türken zwischen Rhein und Weser gewidmet.

Die attraktiven Mädchen – Studentinnen, Hausfrauen, Journalistinnen –, von Friedhelm Porck, dem deutschen Redakteur der Sendungen, ohne große Umstände ausgewählt, überraschten selbst die pessimistischsten Talentsucher. Die Juroren im Studio verteilten bereits den ersten Preis für das schönste Lächeln: Er wurde dem Türkenmädchen Zümbrüt, zu deutsch Smaragd, zuerkannt.

Der Charme aus dem Osten und Süden Europas, Berichte von „Land und Leuten“, die neuesten Schlager aus Italien, ein Schwertertanz als der Türkei mit deutschen Untertiteln versehen – das alles soll, so spekulieren die Kölner Fernsehleute, auch das Interesse der deutschen Zuschauer finden, zu Gesprächen am Arbeitsplatz führen und die Kontakte zwischen den Deutschen und ihren Gastarbeitern verbessern.

Von den Rundfunkanstalten wird schon seit einem Jahr täglich ein dreistündiges Gastarbeiterprogramm ausgestrahlt, je 45 Minuten für Italiener und Türken (vom WDR in Köln), für Griechen und Spanier (vom Bayerischen Rundfunk, München). Die Sendungen der deutschen Funkanstalten sind indessen nicht die einzige Informationsquelle der Gastarbeiter. Die Stationen des Ostblocks umwerben sie mit einer Intensität, die nicht nur den Botschaften in Bonn Serge macht. Für Italiener und Spanier sendet Radio Prag (eine Stunde täglich), Radio Budapest (ebenfalls eine Stunde täglich), Radio Warschau (anderthalb Stunden täglich) und Radio „Berlin International“ eine Stunde. Für die Türken strahlen der DDR-Sender „Unser Radio“ – der in Leipzig stehen soll – ein Programm aus (fünfmal am Tag eine halbe Stunde, auch am Sonntag) und Radio Budapest (zweimal eine halbe Stunde täglich und sonntags von elf bis ein Uhr). Noch ehe es ein Gastarbeiterproblem gab, wurde „Unser Radio“ bereits in der Türkei empfangen und von den anarchischen Bauern als deutscher Sender erkannt. Für jene Türken, die später in der Bundesrepublik arbeiteten, gab es dann ein freudiges Wiederhören: „Unser Radio“ war ihnen an den neuen Arbeitsplatz gefolgt.

Bis vor einem Jahr versorgten die Ostblocksender die 132 000 Türken in der Bundesrepublik mit Nachrichten aus der Heimat. Türkische Zeitungen gibt es nur in den Bahnhöfen, zwei Tage verspätet, und Radio Ankara kann nicht empfangen werden. Für die Italiener war besser gesorgt worden: Sie können ihr Landesradio hören und hatten schon seit Dezember 1961 ein 15-Minuten-Programm im Kölner Funk. Doch auch dies, so zeigte sich, war zuwenig. Bei einer Umfrage unter italienischen Gastarbeitern in Wolfsburg meinte ein Sardinier: „Wir hören fast jeden Abend die Sendungen von Radio Köln, Prag und London, aber wir wissen nicht, wo die Wahrheit liegt. Jede Station bringt die Nachrichten in einer anderen Art.“

Viele Gastarbeiter hören alle Sendungen, die sie in ihrer Landessprache empfangen können. Die Ostblocksender strahlen teilweise auf der Mittelwelle aus, die deutschen Rundfunkanstalten dagegen nur auf UKW im dritten oder vierten Programm. Die Mittelwelle, so heißt es, soll nicht durch die – für Deutsche uninteressanten – Sendungen blockiert werden. Zehn Prozent der Gastarbeiter im Sendebereich des Hessischen Rundfunks haben aber keine UKW-Anlage in ihrem Gerät. Die Sender der Ostblockländer werden daher auch heute regelmäßig von 21 Prozent der Türken, 12 Prozent der Italiener, 24 Prozent der Spanier und von 17 Prozent der Griechen gehört.

Der Gastarbeiterfunk und auch das III. Fernsehprogramm beziehen Nachrichten und Filmmaterial zu einem großen Teil aus den Heimatländern der Gastarbeiter. So werden von der „RAI-Radiotelevisione Italiana“ – deren Präsident der ehemalige italienische Botschafter in Bonn, Pietro Quaroni, ist – für die italienischen Gastarbeiter jeden Montag die aktuellen Sportfilmberichte aus Rom überspielt. Der Bayerische Rundfunk, der eine Sendung für „seine Italiener“ macht, übernimmt oft vollständige Programme von der RAI, vor allem Unterhaltung, Folklore und Schlager.

Die Kölner Redaktion bezweifelt dagegen, ob diese Sendungen etwas gegen die Propaganda des Ostens ausrichten können. Unangenehme Nachrichten, zum Beispiel über italienische Streiks, wenden nicht gemeldet. Außerdem wird zuwenig über die Sorgen der Gastarbeiter in Deutschland berichtet. Die Kölner wollen ihren Hörern daher praktische Lebenshilfe, Informationen und Ratschläge geben. Zu diesem Zweck arbeiten Sozialexperten, Ärzte und Priester an dem Programm mit, und die Briefe, die in der Redaktion eintreffen, sprechen für den Erfolg dieser Arbeit: „Ich bin der Kalbrese Conte Gennaro“, so heißt es in einem Brief, „und befinde mich mit meiner Familie seit vier Jahren aus Arbeitsgründen in Renchen. Das Leben hier in Deutschland ist traurig, so weit von der Heimat, dem Geburtsort und den Verwandten entfernt. Wir befinden uns hier mitten in einer fremden Sprache, wo man nicht alles versteht und nicht alles sagen kann. Aber wir sind sehr froh, wenn der Abend kommt und wir in Ihrer Sendung etwas Nützliches finden, das uns die Erinnerung an unsere ferne Heimat auffrischt und wir auch schöne Lieder hören.“