Oskar Regele: Feldzeugmeister Benedek. Verlag Herold, München. 606 Seiten, 43,– DM

Auch die parteiische Geschichtsschreibung kann zu bedeutenden wissenschaftlichen Ergebnissen führen. Viele Stellen bei Treitschke und den anderen borussischen Historikern sind heute unlesbar. Dennoch kann niemand Treitschke ohne Gewinn für seine Erkenntnisse über deutsche Geschichte lesen. Oskar Regele, der in den letzten Jahren drei Biographien hervorragender österreichischer Heerführer geschrieben hat, ist ein patriotischer Österreicher mit eben dem Verständnis für Preußen, das Treitschke für Österreich aufbrachte, also nicht eben viel. Aber seine Forscherarbeit vermittelt dem Leser genaue Kenntnisse von dem Leben und den Taten der österreichischen Generale.

Er hat sich einen würdigen Gegenstand für seine Untersuchungen gewählt. Österreich hat, was nicht jedermann weiß, häufiger Krieg geführt als Preußen, die österreichische Armee hat sich dabei zumeist glänzend bewährt, und die Österreicher sind mit Recht stolz auf ihre militärische Geschichte. Aber die Kenntnisse im breiteren Publikum und auch in der Fachwelt sind ungenau und verschwommen. Man muß Regele dankbar dafür sein, daß er seinen Landsleuten und den Ausländern – als Ausländer müssen wir Bundesrepublikaner uns leider fühlen – das Bild der österreichischen Kriegsgeschichte sorgsam und einfühlsam gezeichnet hat.

Auch dem Bildnis Benedeks fügt er neue Züge hinzu. Gewiß, die Grundlinien bleiben, die uns überliefert sind: ein ausgezeichneter Soldat mit hervorragenden Führereigenschaften, eine vornehme Natur, die selbst in seinen Schwächen niemals die innere Verpflichtung des Edelmannes vergaß; ein warmherziger Mensch, in dem auch sein hartes Handwerk nicht die humanen Züge zu verdrängen vermochte.

Aber neu, wenigstens für den Rezensenten neu, ist die Fülle der Einzelheiten über die Vernachlässigung des Heeres durch die österreichische Regierung vor 1866. Es fehlte nicht an Warnern; die Minister beachteten sie nicht. So ging das österreichische Heer 1866 schlecht vorbereitet in den Krieg. Die Überlegenheit des preußischen Zündnadelgewehres über die veralteten österreichischen Waffen sieht Regele als die entscheidende Ursache der Niederlage an.

Die besten strategischen Pläne und die größte Tapferkeit der Truppe wurden an dem vernichtenden Feuer der preußischen Infanterie zuschanden. Auch ein größerer Feldherr als Benedek hätte das Schicksal des Heeres nicht zu wenden vermocht. Die Knauserei der Regierung in den Jahren vor dem Kriege rächte sich. Die Neurüstung des Heeres hätte Geld gekostet, und davor scheuten die Minister und die Abgeordneten zurück. Deshalb, nicht wegen des Versagens des Generals von Benedek, verlor Österreich die Schlacht bei Königgrätz, mußte es auf den Führungsanspruch in Deutschland verzichten, wurde es aus dem werdenden Reich hinausgedrängt.

Was Regele da berichtet und was in den Einzelheiten bei ihm nachgelesen werden mag, ist bedeutsam, und ein Kern davon ist bestimmt richtig. Nicht um den Wert seiner Forschungen zu beeinträchtigen, sondern um das Bild vollständiger, freilich auch verwickelter in seinen Grundlinien zu machen, muß auch einiges angemerkt werden. Regele ist auf den Einwand gefaßt, daß 1870 das französische Chassepotgewehr der preußischen Handfeuerwaffe weit überlegen war, daß also diesmal die Preußen technisch unterlegen waren und doch gesiegt haben. Nun, er meint, 1870 sei der Unterschied in der technischen Qualität nicht so groß gewesen wie 1866. Das mag so sein; aber wenn man dann liest, wie stolz Benedek (völlig mit Recht) auf die hervorragenden Leistungen der österreichischen Artillerie und Reiterei bei Königgrätz war, dann fragt man sich, ob diese Schwesterwaffen nicht die Nachteile der Infanteriebewaffnung teilweise hätten ausgleichen können.

Den wichtigsten Einwand gegen Benedeks Feldherrenbegabung liefert der Verfasser selber. Er berichtet, daß die Freunde und Kameraden Benedeks mit Kummer wahrnahmen, wie sehr seine dienstlichen Sorgen von dem Verlangen bestimmt waren, die Truppe möglichst schneidig defilieren zu sehen. In diesem gewiß nicht unbedeutenden Soldaten war – wenn wir Regele folgen – viel zuviel Kommissiges. Über die Mängel der österreichischen Kampftaktik war er sich vor dem Kriege im klaren; aber er hoffte, sie noch während des Krieges ausgleichen zu können. Das war eine sehr leichtsinnige Annahme. Daß die Preußen ihm unter Umständen gar keine Zeit für eine Änderung lassen würden, bedachte er nicht.

Gewiß, 1866 ist nicht 1966, über den Wert des Paradedrills dachten damals alle Armeen höher als heute. Aber Benedek überschritt das auch zu seiner Zeit übliche Maß noch um einige Grade. Kann man sich Moltke vorstellen, wie er Zeit und Energie darauf verwandt hätte, auf eine vollkommene Ausbildung für den Parademarsch zu drängen? Gewiß nicht.

Um ganz zu verstehen, warum die Preußen und nicht die Österreicher die Entscheidungsschlacht gewannen, muß man auch einiges wissen, was Regele nicht erzählt. Der Rezensent denkt dabei an die berühmten Augenzeugenberichte über das Verhalten der Wiener Bevölkerung nach dem Eintreffen der Unglücksnachricht: wie die Bürger zunächst bekümmert waren und sich dann doch beim Heurigen und beim Schmausen zu trösten wußten; wie sie sich einig darüber waren, daß man auch nach einer Niederlage noch vergnügt sein konnte.

Wie hätten die Berliner gehandelt, wenn Königgrätz verlorengegangen wäre? Sie hätten vielleicht Bismarcks Haus in der Wilhelmstraße gestürmt (der Ministerpräsident selber wäre nach seinem unverdächtigen Zeugnis in der Schlacht gefallen), und der König wäre wahrscheinlich zur Abdankung gezwungen worden. Aber gefeiert – nein, gefeiert hätten die Berliner die Niederlage nicht, auch wenn sie den Führer, der preußischen Politik nicht leiden mochten. Berlin und ganz Preußen wären in große Trauer versetzt worden, ein bitterer patriotischer Gram hätte die Bevölkerung erfaßt, Konservative und Fortschrittler, Adelige und Bürger. So ist die Schlacht bei Königgrätz doch wohl nicht allein durch das Zündnadelgewehr entschieden worden.

Paul Sethe