Am 25. Juli 1943 erhielt der damalige Reichskommissar in den Niederlanden, Gauleiter Seyß-Inquart, einen Dienstbrief. Darin wurde ihm berichtet: „Von den ursprünglich in den Niederlanden gemeldeten 140 000 Volljuden ist nun der 100 000. Jude aus dem Volkskörper entfernt worden.“ Unterschrieben war diese Vollzugsmeldung von „Dr. Wilhelm Harster, Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD“.

Einen Monat darauf teilte derselbe Mann dem Vertreter des Auswärtigen Amtes beim Reichskommissariat für die besetzten niederländischen Gebiete mit, „... daß die in den Niederlanden in Mischehe lebenden Juden (mit und ohne Kinder) bei Nachweis der Unfruchtbarkeit vom Tragen des Judensterns befreit werden ... Dem leitenden Arzt beim Höheren SS- und Polizeiführer obliegt die Prüfung der Unfruchtbarkeit“.

1956 wurde der ehemalige SS-Brigadeführer und Polizei-Generalmajor Harster, der als Assessor im bayerischen Staatsdienst begonnen hatte, vom Innenministerium in München als Regierungsrat für die Regierung Oberbayern eingestellt. Er leitete das Ressort Gemeindefinanzen und galt nach amtlichem Urteil als der „qualifizierteste Beamte“ des Landes. So wurde dann Harster auch bald zum Oberregierungsrat befördert.

Bei seiner Einstellung, so hieß es später, seien alle Unterlagen über die Vergangenheit des tüchtigen Beamten geprüft worden. Harsters Funktion als höchster Sicherheitschef Himmlers in den Niederlanden sei dem Innenministerium bekannt gewesen. Seine Vorgesetzten, so sagte Harster aus, wußten „von der ersten bis zur letzten Sekunde meines dienstlichen Lebens Bescheid“. Und er wurde zum Regierungsrat ernannt, und sogar zum Oberregierungsrat befördert. Sieben Jahre blieb er im Amt.

Später meinte der damalige Staatssekretär im bayerischen Innenministerium, Wehgartner: „Wir waren damals von der Entnazifizierung weiter entfernt als heute“, und das Ministerium entschuldigte sich, man wollte eben einen „Schlußstrich unter die Vergangenheit ziehen“. Harster habe zudem einen Unterbringungsschein nach dem 131er Gesetz und einen „Persilschein“ des ehemaligen Verbindungsoffiziers beim niederländischen Prinzgemahl, P. Prins, vorweisen können, der ihm ein „korrektes“ Verhalten bescheinigte.

Als freilich die Münchner Staatsanwaltschaft 1961 Ermittlungen gegen den Oberregierungsrat einleitete, war jener Empfehlungsbrief nicht mehr viel wert. Prins erklärte, er habe Harster gar nicht gekannt; sein pauschales Urteil über ihn stamme von Freunden. „Ich habe niemals gesagt, daß Harster kein Unrecht getan habe.“ 1963 jedenfalls wurde Ressortchef Harster pensioniert – wegen „nachgewiesener Dienstunfähigkeit“. Aber das Innenministerium beharrte darauf, bei Harsters Pensionierung habe es sich nicht um eine „politische, sondern um eine echte Erkrankung“ gehandelt.

In der vergangenen Woche nun wurde der Oberregierungsrat a. D. Harster verhaftet. Dem Mann, den sein Ministerium 1956 als einen „anständigen Menschen“ pries, wird vorgeworfen, vom Sommer 1941 an „die Vorbereitung und Durchführung der Endlösung der Judenfrage in den niederländischen Gebieten“ verantwortlich geleitet zu haben. Überdies steht er unter dem Verdacht des gemeinschaftlich begangenen Mordes in 83 000 Fällen und des gemeinschaftlich versuchten Mordes in 317 Fällen.

Wie hieß es doch 1963 in der Verlautbarung des Innenministeriums? Harster sei damals ein „korrekter Vertreter eines unkorrekten Systems“ gewesen... D. St.