Bonn, im Januar

In großer Besetzung trat die Luftwaffe in der vergangenen Woche im Zimmer 117a des Bundeshauses auf, um sich vor dem Verteidigungsausschuß wegen der 1965 abgestürzten 26 Starfightermaschinen und der 15 toten Piloten zu verteidigen. Es erschienen der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Werner Panitzki, Staatssekretär Gumbel für den erkrankten Verteidigungsminister, Panitzkis Vertreter, Generalleutnant Kuntzen, der Chef des Führungsstabes Luftwaffe, Brigadegeneral Buechs, der deutsche NATO-General Steinhoff aus Fontainebleau, Oberst Rall, Kommodore eines Jagdbomber-Geschwaders in Memmingen, und Oberst Krupinski, der Chef des neuen Piloten-Ausbildungszentrums der deutschen Luftwaffe in den USA.

Die „alten Hasen“ Steinhoff, Krupinski und Rall, Fliegerasse des Zweiten Weltkrieges, waren 1958 und 1959 die maßgeblichen Praktiker, auf deren enthusiastische Befürwortung man sich für den Starfighter entschied. Verteidigungsminister Strauß und Panitzkis Vorgänger, General Kammhuber, ließen diese Maschinen kaufen, ändern, umkonstruieren, nachbauen, mit völlig neuen Geräten versehen. Sie schlossen Verträge über Millionen und Milliarden ab – und der Starfighter wurde zum teuersten Waffensystem der Bundeswehr.

Jetzt stehen zwar knapp 700 Starfighter, davon 604 in Lizenz als F 104 G nachgebaut, auf deutschen Fliegerhorsten, aber es fehlt an Piloten und Wartungspersonal, an Hangars und schneller Ersatzteillieferung. Die neuen Geräte, ob Schleudersitz oder Elektronik, müssen immer wieder verbessert werden, um halbwegs den Anforderungen zu genügen. Beim geplanten Mehrfachzweck des Lizenz-Starfighters (Abfang- und Allwetterjäger, Aufklärer und Jagdbomber) ist die Luftwaffe von der Jäger-Version schon längst abgerückt, weil das Triebwerk der jetzt überschweren Maschine für Schnellmanöver nicht ausreicht.

Dem Verteidigungsausschuß bot sich ein klägliches Bild: Niemand war und ist für Absturz und Tod verantwortlich, die Luftwaffen-Führung nicht und die Industrie auch nicht. Ein angebliches „Zusammentreffen von verschiedenen Fehlern im menschlichen und technischen Bereich“ dezimiert Monat um Monat die Zahl von Flugzeugen (Stückpreis rund sieben Millionen Mark) und Piloten (Ausbildungszeit zwei Jahre, Ausbildungskosten über eine Million Mark je Mann). Innerhalb der Staaten des Nasmo-Konsortiums (Bundesrepublik, Italien, Niederlande, Belgien) liegt die deutsche Luftwaffe mit ihren Starfighter-Absturzziffern an der Spitze, innerhalb aller Starfighter-Länder etwa im mittleren Drittel, weit vor den USA, wo nur noch Restbestände der unkomplizierten Originalausgabe des Starfighters F 104 geflogen werden.

General Panitzki, dessen Bericht zum größten Teil geheim ist, während ein kleines Stück davon in genormter Form vom Verteidigungsministerium der Presse übergeben wurde, sieht keine Fehler im Waffensystem und – trotz aller längst erkannten und zugegebenen Mängel – auch nicht im Flugzeug selbst, sondern nur im Bereich von Personal und Wartung.

Anstatt die Luftwaffe zeitlich so aufzubauen, daß immer auch genügend Piloten und Wartepersonal ausgebildet wurden, legte man das Schwergewicht auf den Bau der Flugzeuge, die nun geschwaderweise herumstehen und nicht oder nur gelegentlich benutzt werden. Die Anfälligkeit des in allen Teilen hochempfindlichen Starfighters erfordert häufige und regelmäßige Kontrollen, wofür nicht genügend Fachkräfte vorhanden sind. Und die Unsicherheit, die oft über den Zustand der Maschinen herrscht, verhindert ihren vollen Einsatz, so daß die deutschen Piloten durchweg zu wenig Flugstunden haben. Mangelnde Erfahrung wiederum trägt dann zu den Abstürzen bei.

Das Allheilmittel der Luftwaffen-Führung, wie es den Abgeordneten angepriesen wurde, heißt ganz einfach Geld. Mehr Geld für technisches Personal, um zu längerem Engagement zu reizen; mehr Geld für die Piloten, um den Starfighter-Job attraktiv zu machen, das Risiko materiell ein wenig aufzuwiegen und um die Piloten vom frühzeitigen Übertritt in die Zivilluftfahrt abzuhalten. Die Bezahlung der hochqualifizierten Flugzeugführer, deren Zahl schon wegen der hohen Anforderungen an Intelligenz, Sprachkenntnisse, technisches Wissen und vor allem an hervorragende körperliche Konstitution nie groß sein wird, ist in das Korsett der Soldaten-Besoldung eingeschnürt: Ein Überschall-Pilot der Luftwaffe, nach sieben Dienstjahren im Rang eines Hauptmanns, erhält monatlich 1186 Mark netto ausgezahlt. Die Flugzulage von 300 Mark ist inbegriffen. Ein Einsatz-Pilot im Range eines Feldwebels, Leutnants oder Oberleutnants wird brutto und einschließlich Flugzulage mit 1000 bis 1200 Mark besoldet. (Ein britischer, lediger Hauptmann bekommt 1900, ein dänischer 2600 Mark – ohne Fliegerzulage –, ein amerikanischer oder kanadischer noch weit mehr.)

Im Vergleich dazu lockt die Lufthansa mit 1529 Mark brutto (13 Gehälter) für einen jungen Kopiloten auf der alten zweimotorigen „Convair“, und mit 2295 Mark für einen Ersten Offizier. Ein „Convair“-Kommandant bekommt 2837 Mark. Die Steigerung geht weiter bis zum Kapitän einer Boeing, der ein Monatsgehalt von 5934 Mark bezieht.

Der Verteidigungsausschuß hat schon jetzt resigniert. Von präziser Verfolgung bestimmter Mißstände und Absturzursachen oder von der Maßregelung nachweisbar verantwortlicher Personen ist nicht mehr die Rede, auch nicht von einem „Untersuchungsausschuß“ oder von einem „Hearing“, für das sich der SPD-Abgeordnete Helmut Schmidt noch im November eingesetzt hatte. Die SPD-Vertreter im Ausschuß verheißen zwar „eine Fülle von Konsequenzen organisatorischer und rechtlicher er Art“, weil schon jetzt „eine Reihe von Fehlern“ aufgedeckt worden sei. Aber die – vom Verteidigungsministerium ausgegebene – Parole heißt auch für den Bundestag: Mit dem Starfighter leben, koste es, was es wolle. Daß es sehr, sehr viel kosten wird, wenn mit der Supermaschine künftig mehr gelebt und weniger gestorben werden soll, ist inzwischen allen Beteiligten klar geworden.

Am billigsten ist die Abfindung der Witwen tödlich abgestürzter Starfighter-Piloten, deren Schicksal im technischen Wortschwall vor dem Ausschuß unterging. Sie erhalten eine einmalige Versicherungssumme von 20 000 Mark und dann die Rente, die in der Regel zwischen 500 und 800 Mark im Monat liegt. Peter Stähle