Ein interessantes Phänomen bleibt das Auftauchen der japanischen „Sportkünstler“ in Europa dennoch. Es zeigt, daß trotz der Sportphotographie ein aufnahmebereites Publikum für die Sportmalerei besteht, in der der Schweizer Erni, der früher auch Zehnkämpfer war und heute zu den führenden Malern Europas zählt, eine einsame Gestalt ist. Falls München, was viele nicht glauben, im April in Rom gegen Madrid, Detroit und Montreal siegen sollte und 1972 seine musische Olympiade durchführen dürfte, wäre hier ein echtes Anliegen: Der Sportmalerei auf die Sprünge zu helfen.

Die Bildhauerin Haru Onoda

Von F. K. Mathys

Daß die Plastik eine Möglichkeit bietet und einen aussichtsreichen Weg bedeutet, stärkere Einblicke in das Wesenhafte des modernen Sports zu bekommen, ist von den Bildhauern viel weniger erkannt worden als von den Malern.

Vieles, was die Malerei unbedenklich darstellen kann, ist in der Bildhauerei nicht möglich. Ihr eigentliches Thema sind denn auch Mensch und Tier, nur etwa im Relief sind Landschaften und Interieurs darstellbar. Das wäre ein Grund dafür, sich dem sportlichen Menschen als Motiv zuzuwenden, und daß es möglich ist, dafür sind die alten Griechen beredtes Zeugnis. Unter Künstlern unserer Zeit haben sich schon vor Jahrzehnten René Sintenis (1888-1965) und Gerhard Marcks (1889) – um nur zwei der repräsentativsten zu nennen – der plastischen Darstellung von Sporttreibenden zugewandt. In Deutschland haben besonders die Wettbewerbe des Olympischen Komitees sich als fruchtbar erwiesen, wir nennen da etwa den „Startenden“ und den „Stabhochspringer“ von Erich Reuter, die „Skiläuferin“ von Ruth Speidel, den „Reiter“ von Lothar Fischer, die „Schwimmerin“ von Wilhelm Grevius, den „Läufer am Start“ von Karl-Heinz Hoffmann, das „Sulky“ von Werner Schürmann, den „Reiter“ von Kurt Mergenthal, den „Speerwerfer“ von Wolfgang Hirtreiter.

Während in Frankreich der 1904 geborene René Collamarini „Judo“, Robert Couturier (1905) eine „Schwimmerin“, Georges Guyot (1885) „Boxer“, der aus Polen gebürtige Leopold Kretz (1907) „Tennis“, Georges Oudot (1928) eine „Springerin“, Henry Plission ähnlich wie Daumier Kleinplastiken von Athleten und der Italiener Antonicci Volto (1915) „Ringende Frauen“ sich zum Thema ihrer Skulpturen erwählten. In keinem andern Lande aber – außer bei den Griechen – hat der Sport in der Kunst einen so vielfältigen und lebendigen Niederschlag gefunden, wie in Japan. Nicht nur verfügt man dort über uralte sportliche Traditionen, die Jahrhunderte zurückgehen – in Epochen zurückreichen, in denen bei uns kaum von Volkssport die Rede sein konnte. Malereien in alten Schlössern und Tempeln sind beredte Zeugnisse dafür, wie im Lande der aufgehenden Sonne die Leibesübungen immer ein Bestandteil des gesamten Lebens und der Kultur waren. Mit dem Aufkommen des Holzschnittes haben die großen Meister des Stichels, wie Shuntei, Sharaku, Utamaro, Eisen, Kunisada, Sukenobu, Utagawa, Toyoharu, Shunro, Toyokuni und vor allen andern Hokusai immer wieder Badende, Schwimmende, Reiter, Sumo-Ringer, Bogenschützen, Kemarifußballer, Fechter und Akrobaten auf ihren bunten Drucken verewigt. Man muß freilich bedenken, daß im fernen Osten die Leibesübungen nicht bloß ein Zeitvertreib sind, nicht allein dazu dienen, überschüssige Kräfte abzureagieren oder um sich zu ertüchtigen, sondern Sport dient dort viel mehr zur Erlangung einer richtigen Geisteshaltung, nicht eines Außen-Wirksamseins, sondern eines Nach-innen-gerichtet-Seins.

Eine solche Sportart – ein Ringkampf, dem auch bei uns bekannten Judo in mancher Hinsicht verwandt, ist Aikido – das heißt der Weg zu Geist und Harmonie. Mit Begeisterung hat sich eine junge japanische Künstlerin diesem Sport verschrieben, übt ihn aktiv aus, um hinter die Geheimnisse dieser kunstvollen Würfe und Schwünge zu kommen, und die wesentlichsten Phasen plastisch festzuhalten. Die 1929 als Tochter eines Industriellen in Tokio geborene Haru Onoda ist zuerst Absolventin der Bildhauerklasse der Kunstakademie von Tokio gewesen, ehe sie nach Europa kam, um im Atelier des italienischen Bildhauers Pericle Fazzini in Rom weiter zu studieren, ihr plastisches Formgefühl zu expressiver Ausdruckskraft zu steigern. Stilistisch ist ihr wohl auch ein wenig Germaine Richier ein Vorbild gewesen, denn sie hat sich mit ihren Figurengruppen des dynamischen Aikido in ihre Nähe begeben und bei vielen Ausstellungen in ihrer Heimat, aber auch in Europa schöne Erfolge geerntet. Haru Onoda setzt die altjapanischen Traditionen fort, nur arbeitet sie nicht mit Pinsel und Stichel, sondern hat sich der Bildhauerei verschrieben, vereinfacht und übersetzt das wirkliche sportliche Geschehen in eine höhere, geistige Ebene, erfüllt ihre kämpferischen Gruppen mit einer rhythmischen Harmonie in den Bewegungen. Die Leiber der Handelnden gehören bei ihr ganz der Welt des Auges an. Aber Haru Onoda hält nicht einzelne Szenen fest wie dies die photographische Linse tut, eine erstarrte Bewegung, in ihren Statuen wird nicht nur der menschliche Körper als schönster Ausdruck der Erscheinungswelt gefeiert, sondern wirkt in ihren Plastiken wie ein aus sich herausrollendes, sich immer bewegendes Rad. Im allgemeinen ist zwar die Plastik in den Rahmen des Statischen gebunden, jedoch den Werken der japanischen Bildhauerin wird das Starre zur tänzerisch beschwingten Bewegung entfesselt und erzeugt deshalb beim Betrachter eine so ungeheure und nachhaltige Faszination. Nicht allein der Kunstverständige, sondern auch der Sportsmann muß sich an diesen lebendigen Bildwerken begeistern, die in sparsamster Art das Fluktuierende des ganzen sportlichen Tuns versinnbildlichen.