Zivilisiert sein, heißt komplizierte Bedürfnisse haben. Und ein ausgewachsener Mensch sollte nichts brauchen. Henry Miller

Neuer Frost breitet sich aus

Die Hamburger Buchhandlung M. Glogau jr. veranstaltet, ohne viel Aufhebens davon zu machen, zusammen mit dem CVJM seit langem Ost-West-Begegnungen. Für den 27. Januar stand ein Besuch der Kabarettistin Vera Oelschlegel und des Lyrikers Karl Mickel aus Ostberlin auf dem Programm. Einladungskarten waren verschickt, das Auditorium maximum der Universität stand zur Verfügung – da traf ein Telegramm des Schriftsteller-Verbandes der DDR ein: „Erachten Veranstaltung am 27. 1. im Augenblick als unzweckmäßig. Bitte durch Pressenotiz Verschiebung auf späteren Zeitpunkt bekanntgeben.“ Wir werden diesen „späteren Zeitpunkt“ fest im Auge behalten. Bis dahin: Überhaupt kein Recht, Anstoß zu nehmen, haben diejenigen unter uns, die selber solche Begegnungen schon seit langem für „unzweckmäßig“ halten. Für wie dumm muß man seine Leser halten, wenn man behauptet: gerade diejenigen, die aufrichtig eine Liberalisierung der Verhältnisse anstreben, sind schuld an dem Rückfall in die Frostperiode.

Buch des Monats

Zum Buch des Monats wählte die Jury der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung August von Kotzebues „Das merkwürdigste Jahr meines Lebens“. Das im Münchner Kösel-Verlag erschienene Buch wurde von Wolfgang Promies herausgegeben.

Fühmann für Biermann

Noch kein kommunistischer Schriftsteller von Rang hat sich der für „das Weltniveau“ der DDR-Literatur mörderischen Kampagne angeschlossen, die die SED, von neuem Frost geblendet, gegen den genialen kommunistischen Bänkelsänger Wolf Biermann angezettelt hat. Einer der begabtesten jüngeren DDR-Autoren, Franz Fühmann, hat sich jetzt offen davon distanziert und ist, zum Protest, aus dem Vorstand des Schriftstellerverbandes ausgetreten. Auch Altkommunist Ernst Fischer, Wien, setzte sich ein für Biermann, dessen „ungewöhnliche Begabung“ er erkannt hat. – „Uns“ könnte es ja nur recht sein, wenn „die da drüben“ ihre besten Leute mundtot machen? Uns ist es nicht recht. So viel Talent hat die deutsche Literatur unserer Zeit nicht zu verschenken.