H. B., Duisburg

Das „Gesellschaftszimmer“ in der Duisburger Gaststätte war fast zu klein. Stühle wurden hereingeschleppt, man rückte enger zusammen; der weißhaarige Alte am Büchertisch strahlte. Siebzig Duisburger waren gekommen, um sich einen „Weg zum Überleben“ zeigen zu lassen. Adrette Bürger, Beamte und Angestellte, mit Auto und Lebensversicherung, vielleicht einem eigenen Häuschen; dazu einige Frauen und fünfzehn Jugendliche, zumeist Oberschüler. Sie drängten sich um das kleine Rednerpult, von dem auf blauem Stoff ein gotisches A leuchtete.

A – „Aller Anfang ist deine Anständigkeit“ – das Symbol des „Deutschen Kulturwerks Europäischen Geistes“. Dr. Herbert Böhme sprach in der „Pflegstätte Duisburg“. Böhme, der „unermüdliche Rufer und Mahner“, der „in eindringlicher Form den Weg zum Überleben unseres Volkes“ aufzeigt. So war der Referent in persönlichen Einladungen angekündigt worden, der Präsident des „Kulturwerks“ und „Fichte des 20. Jahrhunderts“, wie er in Österreich genannt wird.

Der moderne Fichte ist mittelgroß, untersetzt; über kleinen, lebhaften Augen trägt er eine randlose Brille. Sein Gesicht rötet sich beim Reden, sein blonder Schnurrbart ist dünn. „Volksgemeinschaft oder Industriegesellschaft“ lautet sein Thema. Seine Worte kommen schnell, summieren sich zu Phrasen: Rosenberg mit der Gewerkschaft erstrebe die Industriegesellschaft, was seelenlose Vermassung und geistige Verödung bedeuten würde. Dahinter stehe der Wille zur Weltherrschaft, die Zerstörung des „Wurzelgrundes“ des deutschen Volkes. Bolschewisten, die ,Alliierten“ und natürlich die Juden seien dabei, das deutsche Blut zu vernichten. Nach Böhme ist dieses Ziel fast erreicht. Doch die „Gemeinschaft eines gesunden nationalen Deutschlands“, wie sich das „Kulturwerk“ nennt, ist auf der Wacht. Man muß dem Arbeiter sagen, wo seine wahren Freunde sind, rät Böhme. Er schließt seine 90 Minuten lange Rede mit einem Schrei: „Das Reich, Tilly, das Reich!“ Die Zuhörer klatschen, sie sind begeistert. „Wenn man nur diese Worte finden könnte“, meint ein junger Mann. „Denken tun wir alle wie Böhme.“

„Ich habe an der Rede nichts wesentliches auszusetzen“, sagte zwei Tage später Dr. Dietrich Dehnen, Oberstudienrat in Duisburg und Vorsitzender der NPD, der National-Demokratischen Partei Deutschlands. Aber auf den Duisburger Polizeipräsidenten ist er böse. „Eine Unverschämtheit.“

Die „Unverschämtheit“ war vier Stunden vor der Rede Böhmes passiert. Im täglichen Polizeibericht, der den vier Duisburger Zeitungen zugestellt wird, hatte Polizeipräsident Hans Jürgensen über Böhme und das „Kulturwerk“ geschrieben: „Daß dem NS-Bardensänger und Lyriker der SA, der ausgerechnet sich als Retter des deutschen Kulturguts ausgibt, heute Narrenfreiheit gewährt wird, und zwar nicht nur wegen der Karnevalszeit, zeigt, wie großzügig und tolerant der heutige Staat ist. Gleichwohl wird man diesen Leuten nicht nur auf den Mund schauen müssen, zumal viele Querverbindungen zu ähnlich tendierenden Organisationen und Personengruppen bestehen.“

Jürgensen hatte seinem Kommentar eine Dokumentation beigefügt. Danach war Böhme seit dem 1. Mai 1931 Parteigenosse, später SA-Sturmbannführer, Referent in der Reichspropagandaleitung der NSDAP und Kulturreferent der HJ. Der Brockhaus von 1936 nennt ihn einen „der führenden dichterischen Gestalter nationalsozialistischer Ideen“.

Oberstudienrat Dehnen steht mit seiner Entrüstung allein. CDU-Bürgermeister Dr. Leo Storm hat nichts gegen die Erklärung des Polizeipräsidenten einzuwenden. „Er soll seine Meinung sagen.“ Auch Arno Masseiter, Fraktionsvorsitzender der in Duisburg mit absoluter Mehrheit regierenden SPD, billigte den Kommentar Jürgensens: „Der Polizeipräsident hat seinen Mut in dieser Frage in der Vergangenheit wiederholt bewiesen.“ Auch sein Fraktionskollege Josef Frings ist dafür, daß ein politischer Beamter seine Meinung sagt. Allerdings sollte man „diese Leute“, vom „Kulturkreis“ und von der NPD, „solange sie in der Kneipe gemeinsam die verflossene heroische Zeit beweinen, nicht durch lautstarke Proteste interessant machen“. Ihm mißfällt es nur, daß an der Spitze der Duisburger NPD ausgerechnet ein Oberstudienrat steht. „Was wird er wohl seinen Schülern im Geschichtsunterricht über Herrn Böhme erzählen?“