H. W., Kiel

Auch der zweite Prozeß gegen den früheren Sturmbannführer und Stabsführer beim SS- und Polizeiführer im Distrikt Krakau, Martin Fellenz, endete mit einem milden Urteil. Zwar hat das Kieler Schwurgericht gegen den jetzt in Schleswig als Kaufmann lebenden Fellenz eine Zuchthausstrafe von sieben Jahren verhängt – wegen Beihilfe zum Massenmord in vier Fällen, wobei fast 40 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder bei den Krakauer „Judenaussiedlungen“ im Sommer 1942 entweder an Ort und Stelle getötet oder in den Vernichtungslagern von Lublin vergast wurden. Gleichzeitig wurde aber der Haftbefehl gegen den Angeklagten aufgehoben, da es nach Meinung des Schwurgerichtes nicht zu verantworten sei, den Angeklagten noch länger in Untersuchungshaft zu behalten. Das Kieler Gericht meinte, Fellenz habe sich mit kurzen Unterbrechungen seit dem 20. Juli 1960 in Untersuchungshaft befunden, mit einer Aussetzung der Reststrafe zur Bewährung sei zu rechnen.

Gemessen an der Höhe der Strafe unterscheidet sich der Kieler Spruch kaum von dem Flensburger Urteil des Jahres 1963. Damals wurde gegen Fellenz eine Zuchthausstrafe von vier Jahren mit gleichzeitiger Haftentlassung verhängt. Freilich haben sich die Kieler Richter und Laienrichter um den Fall erheblich mehr Gedanken gemacht als ihre Flensburger Kollegen. In ihrer Urteilsbegründung stellten sie die Schuld des Angeklagten in vollem Umfange fest: die Schuld an den Massenmorden und die Schuld als Gehilfe an den Juden Vernichtungen im Generalgouvernement. Ein Mann in dieser Stellung, so erklärte der Vorsitzende, mußte nicht nur vom Zweck und Ziel der Judenaussiedlungen wissen, er wußte auch davon. Er habe zudem diensteifrig und beflissen alle Befehle ausgeführt. Fellenz sei ein williges Werkzeug seiner Vorgesetzten gewesen – charakterisierte der Schwurgerichtsvorsitzende den Angeklagten, der bis zuletzt beteuert hatte, immer im Glauben gehandelt zu haben, die Juden sollten zum Arbeitseinsatz kommen. Diesen Glauben verlor er angeblich auch dann nicht, als er auf seinen Fahrten zu den Einsatzorten Hunderte von erschlagenen und erschossenen Juden am Straßenrand liegen sah, als er sah, wie Juden geprügelt und gejagt, gehetzt und getreten wurden. Das geschah seiner Meinung nach nur im „Rahmen des Arbeitseinsatzes.“

Für den Befehlsnotstand, auf den Fellenz sich berief, fand das Schwurgericht keine Beweise. In einem entscheidenden Punkt aber folgte das Schwurgericht der Anklage nicht. Es verurteilte Fellenz nicht wegen der ihm zur Last gelegten Einzeltötungen. Die Basis, die die Zeugenaussagen ergeben hätten, sei zu schmal, um auf ihr eine Verurteilung des Angeklagten zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe wegen Mordes gründen zu können, formulierte der Vorsitzende.