Der Weg des satirischen Schriftstellers ist mit Hühneraugen gepflastert. Im Handumdrehen schreien ganze Berufsverbände, Generationen, Geschlechter, Gehaltsklassen, Ministerien, Landsmannschaften, Gesellschaftsschichten, Parteien und Haarfarben auf. Erich Kästner

Beispiele

Die Affäre um den ehemaligen Sektionschef im österreichischen Unterrichtsministerium, Dr. Alfred Weikert, hat zunächst ein weiteres Opfer gefordert: Österreichs bedeutendste Literaturzeitschrift Wort in der Zeit mußte ihr Erscheinen einstellen. Weikert, der sich viele Verdienste um die Wiener Theater und um eine Aktivierung des österreichischen kulturellen Lebens erworben hatte, war im Oktober vergangenen Jahres unter dem Verdacht des Amtsmißbrauchs und der Bestechlichkeit von seinem Posten suspendiert worden; vorgeworfen wurde ihm, daß er vom Stiasny Verlag (Graz und Wien) über ein Jahrzehnt hinweg 800 000 Schilling (120 000 DM) an Konsulentenhonoraren, entgegengenommen hatte. Der Stiasny Verlag aber veröffentlichte unter anderem die – auf Staatszuschüsse angewiesene – Zeitschrift Wort in der Zeit; für die Zukunft des möglicherweise kompromittierten Verlages überhaupt sieht man in Wien schwarz. Indessen besteht die Aussicht, daß Wort in der Zeit schon bald eine unmittelbare Nachfolgerin finden wird. Im Otto Müller Verlag, Salzburg, der am 1. Januar auch die Buchproduktion des deutschen Verlages neues forum (Schweinfurt) übernommen hat, soll von etwa der gleichen Redaktion eine neue Literaturzeitschrift herausgegeben werden, die dann nicht nur die Literatur Österreichs, sondern auch die Polens, der Tschechoslowakei und der Donauländer zum Gegenstand hätte und somit eine erste Zeitschriftenbrücke zwischen West und Ost schlüge. Ihr voraussichtlicher Titel: Beispiele.

Robert Graf

In der vorigen Woche starb, 42 Jahre alt, der aus Witten an der Ruhr stammende Schauspieler Robert Graf. Graf, der, in Bochum und München ausgebildet, seit 1951 Mitglied der Münchner Kammerspiele war, ist auch durch Film und Fernsehen bekannt geworden – in klassischen und modernen, in komischen und tragischen Rollen, als ein vielseitiger Interpret, immer mit der Aura des schwer Erklärbaren, zugleich aber ohne suggestive Aufdringlichkeit: ein Schauspieler von kühler Faszination. Graf hat den Kunstpreis der Stadt München und den Bundesfilmpreis erhalten.

Wissenschaftlich

Den Namen der Westberliner Bildungsgesellschaft "Urania" mochte die "Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse" der DDR bei ihrem letzten Kongreß in Ostberlin zwar noch übernehmen. Ansonsten jedoch werden die Genossen Wissenschaftler sich "entschieden gegen alle Erscheinungsformen imperialistischer Ideologie wenden"; sie wollen, wie sie in einem Ergebenheitstelegramm an den Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht beteuern, sich "mit ganzer Kraft und Leidenschaft" für den "Sieg des Sozialismus" einsetzen, werden "Pessimismus, Skeptizismus und Antihumanismus" ablehnen. Tröstlich, daß die Mitglieder der Gesellschaft sich trotzdem noch "von allen der Wissenschaft fremden Anschauungen bewußt und deutlich abgrenzen" wollen.