Hamburg

Heute sieht man das natürlich anders, um 180 Grad anders“. Der 56 Jahre alte Verlagsprokurist und ehemalige Erste Offizier auf dem Blockadebrecher „Rio Grande“, Hans Georg Ehrhardt, steht vor dem Hamburger Schwurgericht und soll sich als Zeuge an die verhängnisvolle Stunde erinnern, in der vor 22 Jahren, am 4. Januar 1944, sein Schiff auf dem Weg von Jokohama nach Bordeaux von der Mannschaft versenkt wurde. Damals, so erinnert sich der Prokurist, war er der festen Meinung, der Befehl müsse befolgt werden – jener Befehl, der im Hamburger Schwurgerichtssaal immer wieder zur Sprache kommt: Die beiden an Bord befindlichen Gefangenen durften nicht in Feindeshand fallen.

Ehrhardt kannte diese Order genau, und er empfand sie als unangenehm. „Eine Belastung für ein Schiff, zwei Gefangene an Bord zu haben.“ Aber auch der ehemalige Erste Offizier der Handelsmarine war ein gehorsamer Offizier. Wenn sein Kapitän nichts gegen diesen Befehl unternimmt, warum soll er es dann tun? Schließlich saß ihm die Furcht im Nacken, sich selber eines Tages dafür verantworten zu müssen, falls der Befehl nicht ausgeführt werden sollte.

Ohne Arg schildert Ehrhardt dem Hamburger Gericht sein Erstaunen, als er sich mit Kapitän und Kameraden in amerikanischer Gefangenschaft wiederfand und plötzlich den gefangenen Matrosen Zimmzick wiedersah, den Gefangenen, der von „Rechts wegen“ in seiner Schiffszelle auf dem Meeresboden liegen sollte. Ein Erstaunen, so schildert der Zeuge seine damalige Geistesverfassung, die gemischt war mit Besorgnis. Denn womöglich müßten sie sich nun wegen Zimmzick vor einem deutschen Gericht rechtfertigen. „Heute sieht man das natürlich anders, um 180 Grad anders.“

Mitleid freilich hatte Ehrhardt auch schon vor 22 Jahren mit seinen Gefangenen, die in zwei engen Löchern saßen. Kurz vor Untergang des Schiffes hat er an sie gedacht, so wie er sich Sorgen um seinen Schäferhund Ingo machte, den er – bevor er selber die sinkende „Rio Grande“ verließ – in seine Kajüte einsperrte. Ingo aber befreite sich, wurde von einem Matrosen ins Wasser geworfen und in ein Rettungsboot gezogen.

Die beiden Angeklagten dieses Prozesses – der ehemalige Admiral und Marineattaché in Tokio, Paul Wenneker, und der Kapitän der Handelsmarine, Heinrich von Allwörden – sitzen vor den Geschworenen auf zwei weichen Lehnstühlen. Sie müssen sich in einem Fall wegen Mordes, in dem anderen Fall wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit vollendetem Totschlag verantworten.

In einem verschlossenen Umschlag hatte der Admiral seinem Kapitän in Tokio den Befehl ausgehändigt, in dem es hieß: „Es wird befohlen, daß die Häftlinge im Falle der Gefahr und einer notwendigen Selbstversenkung nicht freizulassen sind und gegebenenfalls mit dem Schiff untergehen.“ Die Gefangenen an Bord der „Rio Grande“, der Matrose Zimmzick und der Heizer Poweleit, waren krimineller Delikte verdächtigt. Der eine hatte 24 Stunden „über den Zapfen gehauen“, der andere gestohlene Uhren in einer japanischen Bar an den Mann gebracht. Zimmzick rettete sich; er hatte in den Tagen vor der Versenkung das Schloß seiner Zelle mit einem Schraubenschlüssel präpariert. Poweleit glaubte nicht an den Tod und schrie deshalb vergebens um Hilfe, als es hieß, „alle Mann von Bord.“