„So stirbt keine Dame“ Die böse Fee entging ihrem Schicksal nicht.

Von Kai Hermann

Es stand in einer illustrierten Zeitschrift: „Das Mysteriöse vergrößert die kalten Fakten: Helga Matura hatte Peitschen in ihrem Schlafzimmerschrank.“ Die deutsche Sprache geht auf den Strich, der Geschmack, der Takt...

Helga Matura starb am 27. Januar in Ausübung ihres Berufes, der gewerbsmäßigen Unzucht, in Frankfurt am Main durch ein Stilett, das ihr von hinten in den obersten Halswirbel und von vorn in die Kehle drang. Am 27. Januar wurde das Freudenmädchen, das „in einer guten Nacht mehr als ein Kohlenkumpel im ganzen Monat“ verdiente, in Gemeineigentum überführt. Für eineinhalb Groschen im Rotationsdruck oder achtzig Pfennig im Kupfertiefdruck konnte jeder Bundesbürger seine Matura käuflich erwerben – Laster, Lust und Luxus bis ins Detail. Diejenigen, die einst der Stundenlöhnerin 300 Mark für eine flüchtige Bekanntschaft von sechzig Minuten gaben, sind geprellt. Jetzt blieb nichts unverhüllt.

Sie war „klassisch schön, ja, faszinierend“, der Nofretete ein bißchen ähnlich. Und ihr Busen, Größe drei, war wohlgeformt. Der Maßlosen reichte das nicht. Sie ließ sich die Brüste durch Injektionen mit Silikon-Gelee vergrößern. Doch der Natur konnte sie nicht ungestraft ins Handwerk pfuschen: „Sie erlitt dadurch so heftige Entzündungen, daß die Kunststoffmasse wieder entfernt werden mußte.“ Was sie selbst ihren bestzahlenden Kunden zu verheimlichen suchte, erfährt heute der kleinste Mann auf der Straße: „In die wunderbare braune Haut ihres rechten Oberschenkels hatte sie sich die Initialen ihres adeligen arabischen Verehrers einbrennen lassen.

Dieses Ende prophezeit

Ein sozialisierter Voyeurismus forderte die Sozialisierung der Matura. Ihre Vergesellschaftung wurde zu einer Orgie deutscher Moral. Das, was sich in den vergangenen drei Wochen auf den Seiten der Illustrierten und Boulevard-Zeitungen austobte, mag als Beispiel sexueller Libertinage verstanden werden. Theodor W. Adorno hat solche Exzesse als „exhibitionistische Sündenbekenntnisse derer, die ihren Moralismus austoben“, bezeichnet. Die „Moral“ war in den Berichten über Helga Matura nicht Alibi für die Zensoren der Bundesprüfstelle. Sie ist „ehrlich“. Nicht um das Verbrechen an der Prostituierten ging es, sondern um das Verbrechen der Matura. Man hatte ihr ohnehin „dieses Ende prophezeit“. Es war das folgerichtige Ende einer, der „ihr bürgerliches Glück nicht genug war“, ein Ende von geradezu schicksalsschwangerer Folgerichtigkeit – denn am 27. Januar 1955 gab sie das „bürgerliche Glück“ auf.

Damals wurde sie von ihrem Mann geschieden, um „langsam, ganz langsam in die Prostitution“ zu „gleiten“. Auf den Tag genau elf Jahre später durchstach ein Stilett ihre Kehle. Wer wagte die Konsequenz dieser Stilett-Stiche anzuzweifeln? Nicht einmal der mit der Aufklärung des Falles beauftragte Kriminalbeamte, der mit Hinweis auf das Gewerbe der Frau Matura erklärte: „Mit jedem Kunden kann der Tod ins Bett steigen.“

Die Kriminalpolizei verfolgt den Täter, die öffentliche und veröffentlichte Moral das Opfer: bis auf den Friedhof in Recklinghausen, wo den Gebeinen der Bürger die Nachbarschaft einer Prostituierten-Leiche nicht zugemutet werden soll. Die Unschuldigen haben ihre große Sünderin. Lust und damit Sünde findet für sie in einem Himmelbett für siebentausend Mark hinter Tüllgardinen zum Preise eines bürgerlichen Wochenlohnes statt.

Nicht Ehebruch, nicht Italienreise-Libertinage oder Pfänderspiele regen diese Gesellschaft mehr auf. Der amerikanischen Doktrin, nach der Sex Sport ist und gesund, wagt kaum noch jemand zu widersprechen. Nur die Regeln müssen eingehalten werden. Und die sind streng olympisch. Das Amateurstatut darf nicht verletzt werden.

Gegen diese Regeln verstoßen jene, die durch Mysteriöses „kalte Fakten“ vergrößern, präziser in der Zeitschrift „Kriminalistik“ ausgedrückt: die den Sex mißbrauchen zur „gewohnheitsmäßigen Erwerbsunzucht“, „zum außerehelichen Geschlechtsverkehr oder sonstiger Unzucht im Austausch oder in Erwartung geldeswerter, für die Lebenserhaltung ins Gewicht fallender Vorteile auf Grund einer durch mehrfache Übung erworbenen Geneigtheit zu solcher Verhaltensweise“.

„Gewohnheitsmäßige Erwerbsunzucht“ mit der deutschen Sprache war nie ein Tabu, sie dient dafür um so häufiger zur brutalen Verteidigung ausgehöhlter Tabus. Die Prostituierten haben heute zwar den Staat zum Zuhälter, zahlen Steuern und logieren in konzessionierten Häusern, aber sie gehören mit Kommunisten und Hakenkreuzschmierern zu den Außenseitergruppen, auf die die Gesellschaft ungestraft ihre Aggression lenken darf.

Fünfzig Paar Schuhe

Helga Matura wurde zur Repräsentantin, zur Königin ihrer Zunft erhoben wie Rosemarie Nitribitt vor ihr. Ihre „faszinierende Schönheit“ prädestinierte sie dazu, die Tatsache, daß sie auf Weißwandreifen strichelte, vor allem aber ihr gewaltsamer Tod. In ihren Porträts, die der Psycho-Phantasie ungehemmten Spielraum geben, wiederholen sich die Stereotypen der schönen, bösen Fee.

Der Neid darf sich an ihrer „göttlichen Schönheit“ entzünden, die sie mit Silikon-Gelee, Gesichtsoperationen und Perücken manipulierte. Ebenso an ihrem „schamlosen Luxus“: Nerzmantel, schwarzer Persianer, Seal, zwei Nerzstolen, fünfzig Paar Schuhe, Brillantringe im Werte von fünfzehntausend Mark und ein Banckonto von einer halben Million. Kein Klischee der schönen Frau und Außenseiterin der Gesellschaft fehlt in den Charakteristiken: Sie war „geizig“, „geldgierig“, „kontaktarm“, „unbeliebt“, „gab sich überheblich und anmaßend“.

Das „Psychosomatische Institut München“ fertigte für eine Illustrierte das „psychologische Gutachten“ der Matura auf Grund einer Schriftprobe an. Eindrucksvoller als diese Psychosomaten ordnete niemand die Stereotypen: „Zu ihrem Wesen gehört etwas von der Sprödigkeit, Härte und Kälte des Glases. Gemütseigenschaften fehlen. Keine Wärme, keine fraulich-mütterlichen Züge. Sie ist ein Weibchen-Typ. Sie legt alles darauf an, ihre Reize spielen zu lassen. Kann Gefühle zeigen, die sie nicht hat. Überraschend: Diese Frau war einmal schamhaft.“

Kein Bericht, der nicht von der Zeit kündet, in der Helga Matura bürgerliches Glück noch genug war, als Hochmut und Anmaßung sie noch nicht dem Stilett entgegenführten. Die Illustrierten-Rechercheure lieferten ein erschütterndes Zeugnis der noch unschuldigen Helga. Im Jahre 1947 schrieb sie einer Schulfreundin ins Poesie-Album:

„Glüh auf wie ein Veilchen im Moose / bescheiden, sittsam und rein / und nicht wie die stolze Rose / die gerne bewundert will sein.“

Ja, wäre sie ein Veilchen geblieben, bescheiden, sittsam und rein, statt zur bewunderten stolzen lose zu erblühen, sie wäre nicht vor einem Siebentausend-Mark-Himmelbett verblutet. Hochmut weiblicher Schönheit kommt vor dem Stilett.

Dat veniam corvis vexat censura columbas. Die abendländische Männer-Moral siegte: Der geldsaugende Vampir ist nicht mehr, der die armen Männer „gehörig schröpfte“, der schon dem ersten Freund die Kriegsgefangenen-Entschädigung abnahm, um sich einen Nerzmurmel-Mantel zu kaufen. Anhaltspunkte der Kriminalpolizei für ein Mordmotiv gibt es noch nicht, wohl aber Spekulationen der Matura-Biographen: „Mußte die elegante Halbweltdame sterben, weil sie sich bei ihrem finanziellen Höhenflug übernahm?“ Bedarf dieser Mord überhaupt einer Erklärung? Eine Illustrierte resümierte die Moral des Verbrechens in der Überschrift lakonisch: „So stirbt keine Dame.“

Adorno glaubt, „daß die gesellschaftliche Macht, wie immer auch unbewußt, denen den Tod wünscht, die für sie fälschlich die Lust verkörpern, die nicht sein soll“.

Die böse Fee entging ihrem Schicksal nicht. Doch es fehlt in der modernen Variation des alten Märchenthemas der Prinz, der die Männerwelt von dem Vampir befreite. Das Image des Dirnen-Töters ist nicht gut. Ungerechterweise färbt das Bild seiner Opfer auf ihn ab. Eine Zeitung ließ einen „Fachmann“ eine „Soziologie der Dirnenmörder“ entwerfen: Kein gewöhnlicher Mörder möchte danach mit ihnen etwas gemein haben. Der Experte kam zu dem Ergebnis, daß es sich bei dem Prostituiertenwürger und -Stecher „größtenteils um Strandgut der menschlichen Gesellschaft handele, dessen hervorstechenstes Merkmal kein allzu hoher Bildungsstand sei“. Gebildete scheinen den Freudenmädchen nie an den Hals zu gehen – denn: „Nach den Informationen dieses Fachmannes ist bisher kein Akademiker als Dirnenmörder ermittelt worden.“

Die lieben Haustiere

Doch nichts ist eigentlich so unwichtig in der Matura-Geschichte wie ihr Mörder. Ein Blatt überschrieb seinen Mord-Bericht: „Kripo sucht den Kater Casanova.“ Das offizielle Dementi des Sprechers der Kriminalpolizei – „Wir suchen einen Mörder und keine Katze“ – wurde nicht zur Kenntnis genommen. Was in der Affäre Nitibitt der silbergraue Zwergpudel „Showing“ war, sind im Falle Matura die grau-blauen Angorakatzen Desirée“ und „Casanova“. Mitleid mit einer toten Dirne scheint absurd. Die Haustiere aber geben den human touch.

Die Katze Desirée saß verängstigt neben der Leiche. Zwanzig Tierfreunde boten dem unschuldigen Tier spontan ein bürgerliches Heim. Aus erbrechtlichen Gründen mußte Desirée zunächst in den Tierhort ziehen. Von dort aber kam die gute Nachricht, daß der Katze eine Einzelbox zur Verfügung gestellt werden konnte. Schlimmer steht es um den Kater Casanova. Er ist verschwunden. Die Polizei versuchte, die anteilnehmende Öffentlichkeit mit dem Hinweis zu beruhigen, daß Kater des öfteren auf die Pirsch zu gehen pflegen. Casanova soll auch schon im Bahnhofsviertel gesehen worden sein. Ein Blatt vermutet dennoch im Zusammenhang mit dem Matura-Mord ein scheußliches Verbrechen: „Hat der Mörder den Kater umgebracht und den Kadaver später weggeworfen?“

Während diese Frage auf Antwort wartete, provozierte die Matura die Gesellschaft noch ein letztes Mal: mit ihrem Anspruch darauf, vergraben zu werden – in einem Tausend-Mark-Sarg. Zur Nachtzeit schaffte man ihre Leiche nach Recklinghausen. Im Morgengrauen wurde sie dort (wie mit Befriedigung festgestellt wurde:) „nicht beerdigt, sondern verscharrt“. Genugtuung bereitete der Bericht, daß zwar fünf weibliche Anverwandte zur Verscharrung erschießen, waren, aber kein einziger Mann.

„Du schuftiger Büttel“

Bleiben freilich dürfen die Dirnen-Gebeine in der Einzelgruft nicht. Die Angehörigen der Grab-Anlieger protestierten. Die Matura wird wieder ausgegraben.

Theodor W. Adorno kam in seiner Untersuchung über die „Authoritarian Personality“ zu dem Ergebnis, „... daß Personen von jener Charakterstruktur, die sie als totalitäre Gefolgsleute prädisponiert, in besonderem Maß von Verfolgungsphantasien gegen das nach ihrer Ansicht sexuell Abwegige, überhaupt von wilden sexuellen Vorstellungen geplagt werden, die sie von sich selbst abweisen und auf Außengruppen projizieren. Die deutschen Sexualtabus fallen in jenes ideologische psychologische Syndrom des Vorurteils, das dem Nationalsozialismus die Massenbasis zu verschaffen half und das in einer dem manifesten Inhalt nach entpolitisierten Form fortlebt. Zu ihrer Stunde könnte sie auch politisch sich konkretisieren. Systemimmanent und unauffällig zugleich, ist sie heute der Demokratie verderblicher als die neofaschistischen Bünde, die einstweilen weit weniger Resonanz finden, über weit geringere reale und psychische Ressourcen verfügen.“

Freilich, so systemimmanent, so neu, so deutsch scheint der „Fall Matura“ doch nicht zu sein. Ließ doch schon Shakespeare seinen König Lear ausrufen:

„Du schuftiger Büttel, weg die blut’ge Hand! Was geißelst du die Hure? Peitsch dich selbst! Dich lüstet heiß, mit ihr zu tun, wofür

Dein Arm sie stäupt.“