Die böse Fee entging ihrem Schicksal nicht. Doch es fehlt in der modernen Variation des alten Märchenthemas der Prinz, der die Männerwelt von dem Vampir befreite. Das Image des Dirnen-Töters ist nicht gut. Ungerechterweise färbt das Bild seiner Opfer auf ihn ab. Eine Zeitung ließ einen „Fachmann“ eine „Soziologie der Dirnenmörder“ entwerfen: Kein gewöhnlicher Mörder möchte danach mit ihnen etwas gemein haben. Der Experte kam zu dem Ergebnis, daß es sich bei dem Prostituiertenwürger und -Stecher „größtenteils um Strandgut der menschlichen Gesellschaft handele, dessen hervorstechenstes Merkmal kein allzu hoher Bildungsstand sei“. Gebildete scheinen den Freudenmädchen nie an den Hals zu gehen – denn: „Nach den Informationen dieses Fachmannes ist bisher kein Akademiker als Dirnenmörder ermittelt worden.“

Die lieben Haustiere

Doch nichts ist eigentlich so unwichtig in der Matura-Geschichte wie ihr Mörder. Ein Blatt überschrieb seinen Mord-Bericht: „Kripo sucht den Kater Casanova.“ Das offizielle Dementi des Sprechers der Kriminalpolizei – „Wir suchen einen Mörder und keine Katze“ – wurde nicht zur Kenntnis genommen. Was in der Affäre Nitibitt der silbergraue Zwergpudel „Showing“ war, sind im Falle Matura die grau-blauen Angorakatzen Desirée“ und „Casanova“. Mitleid mit einer toten Dirne scheint absurd. Die Haustiere aber geben den human touch.

Die Katze Desirée saß verängstigt neben der Leiche. Zwanzig Tierfreunde boten dem unschuldigen Tier spontan ein bürgerliches Heim. Aus erbrechtlichen Gründen mußte Desirée zunächst in den Tierhort ziehen. Von dort aber kam die gute Nachricht, daß der Katze eine Einzelbox zur Verfügung gestellt werden konnte. Schlimmer steht es um den Kater Casanova. Er ist verschwunden. Die Polizei versuchte, die anteilnehmende Öffentlichkeit mit dem Hinweis zu beruhigen, daß Kater des öfteren auf die Pirsch zu gehen pflegen. Casanova soll auch schon im Bahnhofsviertel gesehen worden sein. Ein Blatt vermutet dennoch im Zusammenhang mit dem Matura-Mord ein scheußliches Verbrechen: „Hat der Mörder den Kater umgebracht und den Kadaver später weggeworfen?“

Während diese Frage auf Antwort wartete, provozierte die Matura die Gesellschaft noch ein letztes Mal: mit ihrem Anspruch darauf, vergraben zu werden – in einem Tausend-Mark-Sarg. Zur Nachtzeit schaffte man ihre Leiche nach Recklinghausen. Im Morgengrauen wurde sie dort (wie mit Befriedigung festgestellt wurde:) „nicht beerdigt, sondern verscharrt“. Genugtuung bereitete der Bericht, daß zwar fünf weibliche Anverwandte zur Verscharrung erschießen, waren, aber kein einziger Mann.

„Du schuftiger Büttel“

Bleiben freilich dürfen die Dirnen-Gebeine in der Einzelgruft nicht. Die Angehörigen der Grab-Anlieger protestierten. Die Matura wird wieder ausgegraben.