Jeder kann oder darf einmal hinfallen; er darf nur nicht liegenbleiben. Und wenn er einmal gefallen ist, darf er nicht vergessen, wieder aufzustehen.“ Diese Maxime des sechsundsechzigjährigen Frankfurter Industriellen Willy Kaus zeigt schon, daß sich hinter der gemütlichen, unverkennbar hessischen Mundart, hinter der ein pflegten Eleganz und dem jovialen Äußeren ein zielstrebiger Wille und eine kompromißlose Entschlußkraft verbergen.

In einer Zeit, in der mehr und mehr Familienunternehmen die Segel vor der technischen Entwicklung und der großen internationalen Konkurrenz streichen müssen und sich in Publikumsgesellschaften verwandeln, hat Kaus allein eine Firmengruppe aufgebaut, die heute rund 17 000 Menschen beschäftigt und im vergangenen Jahr etwa 750 Millionen Mark umsetzte. Keimzelle seines Imperiums war die Münchner Metzeler AG, der viertgrößte Reifenproduzent in der Bundesrepublik, und außer der Continental AG in Hannover das einzige rein deutsche Unternehmen dieser Branche,

Kaus ist in seinem Leben als Industrieller bereits zweimal hingefallen, um in seinem Bild zu bleiben. Das Aufstehen hat er freilich nie vergessen.

Im Jahr der Jahrhundertwende im hessischen Langenselbold bei Hanau geboren, war sein Weg nach dem väterlichen Willen eigentlich in der Bauwirtschaft vorgezeichnet.

Nach dem Abschluß des Ingenieurstudiums schien ihm aber diese Welt zu klein. Auch die Abhängigkeit von Vaters Rockschößen dürfte kaum in die Vorstellungswelt des jungen Mannes gepaßt haben. Mit 28 Jahren kaufte er eine Papierfabrik mit zwei Papiermaschinen, also in dieser Branche kein ganz kleines Werk mehr. In die ersten erfreulichen Ansätze pustete der scharfe Wind der Weltwirtschaftskrise anfangs der dreißiger Jahre, und er blies der ersten Schöpfung Kaus’ auch prompt das Lebenslicht aus.

Es hätte nahegelegen, sich nach diesem, nicht selbst verschuldeten Fehlschlag wieder auf das väterliche Erbe zurückzuziehen und bei seinen Leisten, der Bauwirtschaft, zu bleiben. Aber nach dem Motto, „das Aufstehen nicht zu vergessen“, nahm Kaus einen zweiten Anlauf. Nachdem bereits sein Vater als Bauunternehmer beratend für die Deutsche Dunlop tätig gewesen war, erwarb Willy Kaus die Gummiwerke Odenwald und die Valenthin Mehler AG in Fulda. Mit diesem Textilunternehmen schaffte er es, als Ersatz für die Baumwollkarkassen in den Autoreifen die Kunstseide zu finden, während die Konkurrenz sich mit Zellwolle abmühte.

Die Majorität der Aktien von Valenthin Mehler hatte Kaus zu 85 Prozent aus dem Besitz einer Familie erworben, die wegen der nationalsozialistischen Rassengesetze emigrieren mußte. Die früheren Inhaber kamen dann bei einer Flugzeugkatastrophe ums Leben. Die Erben betrieben nach Kriegsende auf Grund alliierter Anordnungen die Rückgabe des Betriebes, obwohl Kaus nach seiner Auffassung den Betrieb ordnungsgemäß erworben hat und den Erben ein großzügiges finanzielles Angebot machte, um sich gütlich zu einigen.