Zum drittenmal stand Leibbrand vor seinen Anklägern

nl, Stuttgart

Frei, und doch nicht freigesprochen. Das ist das Ergebnis der drei Prozesse gegen den bekannten Verkehrsplaner, Professor Dr. Kurt Leibbrand. Weil unter seinem Befehl im August 1944 bei Orange und Avignon 22 italienische Hilfswillige der 6. Kompanie des Eisenbahnpionierregiments der 19. Armee im Maschinengewehrfeuer ihrer deutschen Kameraden tot zusammengebrochen waren, war dem ehemaligen Oberleutnant der Reserve 1962 zum erstenmal der Prozeß in Stuttgart gemacht worden. Der Staatsanwalt plädierte damals wegen vielfachen Mordes auf lebenslängliches Zuchthaus, das Gericht indessen sprach den Angeklagten frei. Nach der Revision der Staatsanwaltschaft begann im Oktober 1964 das zweite Verfahren. Dieses mußte vertagt werden, weil Leibbrands Anwalt Dr. Laternser zu jener Zeit Angeklagte des Auschwitz-Prozesses verteidigte.

Am 10. Januar 1966 stand der 52 Jahre alte Professor, der inzwischen seine Professur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich niedergelegt hatte, zum drittenmal vor seinen Anklägern. Wiederum wurden rund 40 Zeugen aus der Bundesrepublik; aus Italien und Österreich verhört; wiederum sprach die Anklage von Mord an 22 und von versuchten Mord an mindestens fünf Italienern. Da brachte der dreizehnte Verhandlungstag die Wende. Derselbe Staatsanwalt, der im ersten Prozeß den Mord als erwiesen angesehen hatte, erklärte am 14. Februar zur Überraschung vieler Prozeßbeobachter, Mord sei nicht beweisbar. Man müsse die Exekution als Totschlag werten, weil nicht mehr nachgewiesen werden könne, daß Leibbrand für die heimtückische Erschießungsart verantwortlich sei. Totschlag im Jahre 1944 bedeutet aber im Jahre 1966 Einstellung des Verfahrens. Totschlag ist nach 15 Jahren verjährt.

Im Kreuzfeuer der MGs

„Es gab für den Angeklagten weder Rechtfertigungs- noch Schuldausschließungsgründe, es gab nur Strafmilderungsgfünde“, sagte Landgerichtsdirektor Dr. Blochwitz als Vorsitzender des Schwurgerichts. Das Gericht schloß sich der Staatsanwaltschaft an: Kein Mord, aber Totschlag. Der Angeklagte hatte die Erschießung zwar befohlen, es konnte ihm aber nicht nachgewiesen werden, daß er an der Exekution teilgenommen hatte. Das war für das Gericht das Entscheidende. Daß die Italiener – die man nachts geweckt und dann unter dem Vorwand eines Arbeitseinsatzes in das Kreuzfeuer der zuvor in Stellung gebrachten Maschinengewehre getrieben hatte – heimtückisch getötet worden sind, steht fest. Ob der Kompaniechef Leibbrand von dieser Prozedur Kenntnis hatte, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. Deshalb heißt es in der Begründung: „Leibbrand ist weder direkter noch bedingter Vorsatz nachzuweisen. Die Mordtat ist dem Angeklagten auch subjektiv nicht anzulasten.“ Quintessenz: Erschießung ist nicht gleich Erschießung.

Was in der Nacht vom 21. auf den 22. August 1944 bei Orange wirklich geschah, konnte durch keine Zeugenaussage einwandfrei geklärt werden. Viele der ehemaligen Kompanieangehörigen Leibbrands, vor allem seine drei Leutnante, konnten sich in den letzten Wochen plötzlich an manches nicht mehr so genau erinnern, wie bei ihren Vernehmungen durch die Kriminalpolizei vor fünf Jahren. Dies gilt hauptsächlich für den Ex-Leutnant Kimmich, von dem ein Zeuge behauptet hatte, er habe den Startschuß zur Exekution und nach dem Feuerüberfall den verletzten Italienern den Gnadenschuß gegeben.

Kimmichs „Das weiß ich nicht mehr!“ wurde auch von anderen ehemaligen Eisenbahnpionieren im Zeugenstand immer wieder vorgebracht. Leutnant Reise hatte 1960 erklärt, Oberleutnant Leibbrand habe vor der Exekution erklärt, daß die Italiener unter einem Vorwand in den Wald befohlen und dann mit Maschinengewehren zusammengeschossen werden sollten. Auch er schwächte in der Revisionsverhandlung seine Aussage ab. Ein 55 Jahre alter Metzger meinte: „Es ist so lange her, es könnte auch anders gewesen sein!“ – „Ich bin inzwischen schwankend geworden, und ich kann es heute nicht mehr beschwören“, bekannte ein 57 Jahre alter Schreinermeister. Einer entschuldigte sich: „Es ist lange her; jedenfalls weiß ich es jetzt nicht mehr“, und ein anderer gab unumwunden zu: „Nach so viel Jahren hat meine Erinnerung nachgelassen. Ich möchte mir keinen Strick drehen lassen.“ Das Schwurgericht geriet also wie schon vor vier Jahren von Verhandlungstag zu Verhandlungstag in immer größere Beweisnot.

Nur der ehemalige Maschinengewehrschütze Weisweiler, der seinen Kompaniechef 1959 angezeigt hatte, erinnerte sich noch genau, daß er vor jenem Gemetzel bei Orange den Befehl verweigert habe. Es sei ihm deshalb vom Kompaniechef oder vom „Spieß“ sogar ein Verfahren vor dem Kriegsgericht angedroht worden, sagte Weisweiler vor dem Gericht aus. Vor zwei Jahren hatte ihm ein anonymer Anrufer am Telephon gedroht, „wenn ich Leibbrand im Prozeß wieder belasten würde, werde man mich und meine Familie umlegen.“ Im Gerichtssaal mußte der Mann, der im März 1945 desertiert war, Pfuirufe aus dem Zuhörerraum einstecken.

„Kein Kommißkopf”

„Papa Schmidt“ dagegen, der Veteran der Kompanie, sagte vor Gericht: „Ich wollte, wir hätten mehr Leibbrands gehabt!“ Dann schilderte er, wie er und ein anderer Landser 1944 den Italiener Cornelli „weggeschafft“ hatten. Sie sollten den „Hiwi“ noch nachträglich erschießen, weil er vergessen worden war. Schmidt nahm Cornelli mit, schoß in die Luft, verschaffte ihm dann Zivilkleider, schickte ihn weg, und „damit war Cornelli für uns tot!“ Sowohl von Schmidt als auch von anderen Zeugen wurde der Angeklagte als ein stets um das Wohl seiner Soldaten besorgter Offizier geschildert. Leibbrand sei „kein Kommißkopf“ gewesen; er habe mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun haben wollen. Ein ehemaliger Unteroffizier aber berichtete vor Gericht, der Oberleutnant habe damals einen Teil seiner Kompanie antreten lassen und gesagt, daß einige „Hiwis“ fortgelaufen seien. Deshalb müsse man die anderen Italiener erschießen, „das sind wir unseren Familien schuldig“.

Leibbrand selber stritt während der ganzen Verhandlung nicht ab, daß er den Erschießungsbefehl gegeben habe. Er berief sich jedoch auf eine Order seines damaligen Regimentskommandeurs, Major Dernesch, der damit zum Kronzeugen der Anklage wurde. Leibbrand blieb dabei: Am 20. August habe er bei einer Lagebesprechung in Avignon seinem Kommandeur von der Arbeitsverweigerung und dem Sitzstreik der „Hiwis“ berichtet. Am 21. August habe ihn Major Dernesch noch einmal in ein anderes Haus zu sich befohlen und erklärt: „Der Befehl der 19. Armee ist auch auf ihre Italiener anzuwenden, sie sind zu erschießen!“ Leibbrand glaubte sich ganz genau zu erinnern, daß sich Dernesch lange im Schein einer Stehlampe überlegt habe, was mit den unwilligen Italienern zu geschehen habe; daß er ihm berichtet habe, wie die desertierten „Hiwis“ einer anderen Kompanie auf ihre deutschen Kameraden geschossen hätten; daß er daraufhin Dernesch gefragt habe, ob dieser ihm als Reserveoffizier überhaupt einen Erschießungsbefehl geben könne; daß er dann selber noch einmal den Armeebefehl gelesen und die Situation mit seinen Offizieren besprochen habe, ehe er die Erschießung befohlen habe.

Dr. Paul Dernesch freilich, Oberst des österreichischen Bundesheeres, wußte von alldem nichts. Mit Leibbrand habe er zwischen dem 6. Juli und dem 29. August überhaupt nicht gesprochen. Er konnte sich nur noch daran erinnern, daß seine Männer auf der Fahrt nach Lyon versprengte Nachrichtenhelferinnen aufgeladen hätten. Daß ihm Leibbrand gemeldet haben will: „Befehl von Avignon ausgeführt, die Italiener sind erschossen“, weiß er nicht mehr. „Von solchen Befehlen ist mir nichts bekannt. Ich habe derartige Befehle nicht gegeben.“

So stand Dernesch gegen Leibbrand, der Major gegen den Oberleutnant. Das Gericht zog sich zurück, beriet und entschiede „Der Zeuge Dernesch ist zu vereidigen, da er der Teilnahme an der Tat nicht verdächtig ist.“ Und der Oberst schwor.

Wer hat gelogen?

Einer hatte also die Unwahrheit gesagt, entweder Dernesch oder Leibbrand. Das Gericht glaubte Dernesch, obwohl im Kriegstagebuch von einem Besuch des Majors am 20. August 1944 bei der 6. Kompanie berichtet wird. Landgerichtsdirektor Blochwitz sagte in der Urteilsbegründung dazu: „Niemand hat die Aussage von Dr. Leibbrand bestätigt, daß in Gegenwart von mehreren Offizieren eine Besprechung bei Major Dernesch stattgefunden habe. Alles deutet daraufhin, daß eine Unterredung am 21. August gar nicht stattgefunden hat. Ein etwaiger Befehl von Dernesch war jedoch nach der Überzeugung des Gerichts niemals das zentrale Problem des Prozesses. Überflüssigerweise erhitzten sich gerade hieran die Gemüter. Wenn Befehlsausübung derart primitiv aufgefaßt wird, dann könnte ja jeder Rekrut eine Hilfswilligen über den Haufen schießen. Jeder Offizier weiß, daß mit der Befehlsgewalt auch Mißbrauch getrieben werden kann.“

In einem Punkt waren sich Staatsanwalt und Verteidigung einig: Man müsse die Vorgänge vom August 1944 in Leibbrands Kompanie aus der damaligen Situation heraus betrachten. Italiener waren zu den Franzosen übergelaufen. Tag für Tag gerieten deutsche Soldaten in einen Hinterhalt. Die Deutschen kämpften auf Schritt und Tritt um ihr Leben. Niemand kann genau sagen, was damals los war. Der Angeklagte bezeichnete die Italiener als „bedauernswerte Opfer eines grausamen Krieges“. Bis heute habe ihm niemand sagen können, wie er sich damals hätte verhalten sollen: „Ich habe so gehandelt wie jeder Kompaniechef jeder Armee der Welt handeln mußte und muß!“

In Leibbrands Schlußwort hieß es noch: „Nicht die Hinterbliebenen dieser Italiener, sondern ein Kollege, ein Deutscher, hat mich angezeigt.“ Dessen Ziel sei es gewesen, ihn beruflich zu ruinieren. Tatsächlich hatten viele Stadtverwaltungen dem Verkehrsplaner die Aufträge aufgesagt, als er 1962 erstmals vor die Schranken des Gerichts beordert worden war.

Und Leibbrands Verteidiger Laternser faßte zusammen: „Wir werden als einziger Staat noch jahrelang solche Prozesse führen, immer weiter entfernt von den Geschehnissen, bis die ersten Richter aufstehen und sagen: ‚Wir können diese Vorfälle nicht mehr klären!‘“