Von Marianne Kesting

Soweit ich orientiert bin, wurde das Wupper-Tal bisher zweimal Gegenstand dichterischer Behandlung: in Else Lasker-Schülers Schauspiel „Die Wupper“ und in

Paul Pörtner: „Gestern“, Roman; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 197 S., 12,80 DM.

Der Anlaß liegt auf der Hand: Beide, Paul Pörtner wie Else Lasker-Schüler, sind im Wupper-Tal aufgewachsen. Sonst, sollte man meinen, bietet diese vorwiegend häßliche Ansammlung von Kleinindustrie, die sich durch den Städteschlauch an jenem schmutzigen Gewässer namens Wupper entlangwindet, keine besonderen dichterischen Anreize. Aber nicht das Sujet, die Behandlung ist wichtig. In Else Lasker-Schülers Phantasie wurde ihre Vaterstadt Elberfeld zu einer mythischen Stadt voll dunkler Geheimnisse, die schmächtige Wupper, die in ihrem großen Bachbett kaum die Steine zu bedecken vermag, zu einem gewaltigen Fluß, der düstere Geheimnisse umspült, bald Lethe, bald Phrat an den dämmrigen Paradiesen ihrer Kindheit. Und sie schrieb, in einer Nacht, jenes seltsame Schauspiel „Die Wupper“, „aus dunkler Erinnerung gepreßt, eine böse Arbeitermär, die sich nie begeben hat, aber deren Wirklichkeit phantastisch ergreift“.

Ich habe bei der Lektüre von Paul Pörtners Roman „Gestern“ oft an Else Lasker-Schülers Behandlung des Sujets denken müssen – nicht, weil Pörtner darauf zurückgegriffen hätte (nichts könnte verschiedener sein als beider Autoren Sicht der Wupper-Städte). Aber um so denkwürdiger ist die Konfrontation beider Darstellungen, die etwas Vergangenes heraufbeschwören, eine unheilschwangere „Welt von gestern“. Obgleich doch weder die Lasker-Schüler noch der junge Paul Pörtner ihr Interesse auf politische oder gesellschaftliche Zusammenhänge konzentrieren, geben ihre Darstellungen Stationen eines Sozialprozesses wieder, der uns alle betrifft und der nur quasi per Zufall dichterisch im Wupper-Tale angesiedelt ist. Die „böse Arbeitermär“ der Lasker-Schüler konfrontierte drei Sphären miteinander, die einer degenerierten Fabrikbesitzerfamilie, die einer Arbeiterfamilie und die einiger Herumtreiber – phantastische Spukgestalten, die unheimlich durch die Bereiche beider Familien geistern. Else Lasker-Schüler zeichnete eine Welt im Umbruch, die unter einer dunklen Bedrohung liegt, eine Welt der sterbenden Engel und der geheimen und unseligen Katastrophen.

Pörtners „Gestern“ registriert in der Geschichte einer Kindheit etwa zwei Generationen später die Verwirklichung dieser Bedrohung. In die kleinbürgerlich spießige Vorstadtenge, wo der Junge in stickigen Familienverhältnissen aufwächst, dringt der laute Lärm einer Außenwelt und überlagert sie grotesk mit Phrasen. Zwischen dem düster mystischen Lauf der Wupper im Stück der Lasker-Schüler und dem schmutzig trüben Plätschern der Wupper bei Pörtner liegen einschneidende geschichtliche Ereignisse: ein verlorener Weltkrieg, der tumultuöse Bürgerkrieg der zwanziger Jahre, der die in wilhelminischem Gloria entfachten Kleinbürgerherzen maßlos verwirrt. „Einen Taler gab’s Zulage, wenn was Besonderes war, zu Kaisers Geburtstag, Sedan, Weihnachten, das war noch was, aber heute. Vater wies mit großer Geste auf die Zeitungen hinter seinem Rücken. Bürgerkrieg, einer ist der Teufel des anderen, Anarchie, Arbeitslosigkeit, Proletarierelend, Mord und Totschlag. Polizei knüppelt Demonstranten nieder. Berittene Polizei geht gegen Randalierer vor. Man wagt sich ja nicht mehr auf die Straße, man ist seines Lebens nicht mehr sicher. Vater ließ die Schlagläden vormachen, hängte keine Fahne heraus, aber von der ersten Etage, wo Onkel Robert wohnte, und von der zweiten, wo Onkel Karl ein Zimmer hatte, flatterten Hakenkreuzfahnen und Schwarzweißrot.“

Aus diesem Chaos der Ereignisse und Meinungen geht dann die schmetternde „Neue Ordnung“ hervor, deren blecherne Phrasen das babylonische Sprachgewirr der zwanziger Jahre ins Eindeutige kehren und zackigen Heroismus in die Herzen der Kleinbürger gießen. Parallel dazu nehmen die schmuddeligen Vorstadtfamiliengeschichten ihren Verlauf: Pubertätserlebnisse, der Tod eines Katers, Bierseligkeit in Kneipen, der enge Tabakladen des Vaters, wo Politik en miniature betrieben wird, die Lebedame Tante Betti im Kurort – dies alles erscheint als wirres Mosaik in der Sicht des heranwachsenden Knaben, grotesk und trübe, vertraulich und schmutzig, eine Welt von makabrer Gemütlichkeit vor katastrophalem Hintergrund.