Vielen Dank für Ihren öffentlichen Brief in der ZEIT. Ich weiß, er soll mir helfen. Das tut er nicht. Denn hier schreibt Ihnen kein „Emigrant“, kein „Auswanderer“, sondern höchstens ein vorübergehend „Heimatvertriebener“.

Fest steht meine Meinung gegen Ihre, daß eines Satirikers Kunst parteilich zu sein hat. Nicht interessiert bin ich daran, Brandt und Adenauer und Erhard, CDU und FDP auf der einen Seite und SPD in einen kritisierbaren Topf zu schmeißen. Sie werden mich doch nicht etwa verwechseln mit Kabarettisten, die vorgeben, Veränderung und Revolution zu wollen, aber nur Volkstheater zum Vergnügen der Einwohner machen?

Zur Beantwortung Ihres Briefes: Meines Wissens ist es mir nur auf der Bühne des Theaters am Kurfürstendamm innerhalb des NEUSS-Testamentes möglich gewesen, Unklarheiten zu beseitigen. Ich kenne und kannte immer Ihre Nöte, und ich empfand und empfinde diese immer noch als die meinen. Dies jedoch scheinen Sie nun nicht mehr zu wünschen – wie anders soll ich Ihre pflaumenweiche Erklärung verstehen, ein Satiriker soll besser nicht einer politischen Partei angehören?

Ihre Auffassung, die Meinung Andersdenkender zu respektieren, teile ich nur, wenn „anders denken“ nicht etwa „faschistisch denken“ bedeutet. Merken Sie: Man muß das Grundgesetz vor seinen Vätern schützen und die Verfassung vor ihren Schützern. Taten, die Sie als Regierender Bürgermeister von Berlin vollbracht haben, Passierscheine, Gespräche, Härtefall-Stelle sind auch mit meiner Unterstützung zustande gekommen – sie sind gegen Amrehn und andere geboren worden. Verteidigung aber wird doch noch gestattet sein, wenn ausgerechnet in Westberlin das „Denken und Fühlen“ zur formierten Gesellschaft begonnen werden soll. Ohne mich!

Wer meiner „künstlerischen Leistung“ Achtung bekundet, der erweist auch meiner staatsbürgerlichen politischen Aktivität eine Ehrenbezeigung.

Ich fühle mich, Genosse Brandt, auch wenn ich vorübergehend „streike“, immer noch Ihrer Schutzmacht zugehörig. Jederzeit bin ich bereit, zurückzukehren nach Westberlin, mit explodierenden Worten Sie zu verteidigen, denn: meine Kunst ist parteilich! Und woanders, wo ich jetzt bin, kann es mir nie so gehen – gut, fröhlich, siegesgewiß wie in Berlin.

Ihr Brandt-Stift

Wolfgang Neuss