Von Mario G. Losano

Italien ist ein Land, in dem die Sittenpolizei (eine Behörde, die mehr über die Sünden der Einwohner als über ihre Straftaten wacht) Verlobte zu einer Geldstrafe verurteilen kann, wenn sie sich auf einer Bank in einer Allee küssen. Es gibt im Fernsehen keine bloßen Beine von Tänzerinnen, aber Strümpfe jeden Musters und jeder Farbe; auch im Kino wird keine Nacktheit geduldet.

Und was geschieht in den Büchern? Auch hier, so behaupten wenigstens die ewig Unzufriedenen, sei das Schwarzhemd, das der Italiener unter dem Faschismus trug, bis auf die Füße verlängert worden und habe sich so in eine Mönchskutte verwandelt. Dagegen kann ich nach bestem Wissen versichern: die Italiener von heute sind keine entarteten Enkel von Boccaccio.

Von dem Mailänder. Verleger Sugar wurde Burroughs in italienischer Sprache herausgebracht. Mondadori brachte Jean Genet (der gleiche Verleger bereitet die Gesamtausgabe der Werke von D. H. Lawrence vor, wie er auch Thomas Mann und andere große Erzähler herausgebracht hat). In jeder Buchhandlung findet man Bücher von Henry Miller, erschienen bei Longanesi; die italienische Übersetzung seiner beiden „Wendekreise“ allerdings, obwohl von Feltrinelli ediert, ist nur außerhalb Italiens im Handel. Feltrinelli hat es vorgezogen, die beiden Werke in der Schweiz zu veröffentlichen. Er hat es eben gemacht wie alle italienischen Verleger (und auch die nichtitalienischen, glaube ich) angesichts eines heiklen Buches. Man zieht in solchem Falle einen vertrauenswürdigen Rechtsanwalt zu Rate und entscheidet auf Grund seiner Beurteilung, ob man das Buch veröffentlichen kann oder nicht. Manchmal kann eine vorsichtige Übersetzung (die gewisse Dinge auswählt und zum Beispiel einzelne Vokabeln durch andere ersetzt, die sich auch im Wörterbuch finden lassen) ein Buch retten, manchmal können Kürzungen helfen.

Solche Tricks erklären, weshalb nach dem Kriege Prozesse gegen Veröffentlichungen von einem gewissen künstlerischen Niveau außerordentlich selten waren und weshalb die wenigen Prozesse im allgemeinen mit einem Freispruch endeten: In der Tat wurden die Werke, die mit dem Gesetz unvereinbar waren, bereits vorher vom Verleger selbst verworfen, der natürlich auf diese Weise eine Art freiwilliger Selbstzensur ausübte. Andererseits genügt ein Minimum an künstlerischer Aussage für ein Gericht, um ein literarisches Werk freizusprechen. Summa summarum muß ein Buch, um verboten zu werden, nicht nur sehr schamlos sein, sondern ausschließlich schamlos. Die einzigen Verurteilungen, deren ich mich entsinne, betrafen nur Kriminalromane von niedrigstem Niveau.

Das derzeitige italienische Pressegesetz beruht auf der Verfassung von 1948 – dem Werk der antifaschistischen Kräfte, die die Widerstandsbewegung geführt hatten. Die Strenge oder die Eigentümlichkeit gewisser Bestimmungen sind daher als Reaktion auf eine totalitäre Gesetzgebung zu verstehen: Zum Beispiel wird die persönliche Freiheit in einem Umfange garantiert, der auch in den Verfassungstexten von traditionell demokratischen Ländern kaum anzutreffen ist. Vor allem wünschten alle in der Verfassunggebenden Versammlung vertretenen Parteien, daß nach zwanzigjähriger faschistischer Pressezensur der Umlauf des Gedankengutes nur beschränkt würde, wo es sich als nötig erweisen sollte, einen Mißbrauch der in solchem Umfang garantierten Freiheiten zu bestrafen. Aus diesen Erfordernissen entstand der lange Artikel 21 der italienischen Verfassung, der genaue Bestimmungen für die periodische oder nichtperiodische Presse enthält.

„Jeder hat das Recht, den eigenen Gedanken mündlich, schriftlich und auf jede andere Weise frei kundzutun.“ Dieses allgemeine Prinzip garantiert nicht nur die freie Meinungsäußerung als solche, sondern auch die Mittel, dieses Recht konkret auszuüben, im Gegensatz zu der Gesetzgebung der faschistischen Zeit, die dem Staat das Monopol der Kommunikationsmittel vorbehielt. Insbesondere, fährt der Artikel 21 fort, „kann die Presse keiner Genehmigungspflicht oder Zensur unterworfen werden“.