Von Walter Höllerer

Vor drei Jahren war die vielbesprochene Kafka-Konferenz in Liblice, die, von Kafkas Werk her, eine Revision des Begriffs Sozialistischer Realismus nahelegte. Im vergangenen Jahr erschien, im Verlag Klaus Wagenbach, das Buch „Datierung, Funde, Materialien“, das zur Revision des Kafka-Metaphysizismus einlud. Soeben beendete die Akademie der Künste in Berlin eine in solcher Vollständigkeit bisher noch nirgends gezeigte Ausstellung von Dokumenten zu Franz Kafkas Leben und Werk und ein ergebnisreiches Kafka-Colloquium, dessen Interessantheit und Problematik sich weniger in den beiden öffentlichen Veranstaltungen zeigen konnten, viel mehr in den internen sechs Arbeitssitzungen. Hier wurden Perspektiven sichtbar, die nicht nur für die Beschäftigung mit Franz Kafka aufschlußreich sind; sie waren symptomatisch für die literaturwissenschaftliche Betrachtungsweise in der unmittelbaren Gegenwart und, mehr noch, für die sich wandelnde Einstellung der Reflexion dem Kunstwerk gegenüber.

„Faktizität“ und „Authentizität“ – das waren die beiden Leitbegriffe und guten Vorsätze, mit denen die Literaturabteilung der Akademie an die Sache herangegangen war, die Leitbegriffe von Klaus Wagenbach, der zusammen mit Ernst Schnabel Ausstellung und Colloquium ins Werk setzte, Vorsätze, die schon ein Anti-Programm darstellten: Abschirmung gegen Spekulation, gegen Interpretationsliteratur in spezieller Geheimsprache, gegen Umdeutungen ins Ideologische, gegen Theologisierung, gegen Verrätselung.

Wer die Kafka-Literatur einigermaßen kennt, der weiß, daß dies notwendig war.

Hier, in Sachen Kafka, ist der eigentümliche Fall eingetreten, daß es eine breite Interpretationsliteratur gab, noch bevor eine klärende biographische und werkordnende Betrachtung einsetzte, und dies aus zwei Gründen: weil Kafka außerhalb eines geschlossenen Sprachkreises lebte, in der deutsch sprechenden jüdischen Gemeinde in Prag, und weil die Hauptwelle der literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit ihm einer antibiographistischen Epoche zugehörte.

So blieben Datierungsfragen bis in allerjüngste Zeit ungeklärt. So kamen, wegen dieser Unklarheiten, interpretatorische Koppelungen von Werken und damit Fehlschlüsse zustande, die, übertragen, etwa dem Versuch entsprachen, Schillers „Räuber“ in unmittelbarer Nachbarschaft zum „Lied von der Glocke“ zu sehen und eines aus dem anderen ohne Umstände verständlicher zu machen. Also war das Faktische notwendiger Ansatz dieser Konferenz, und wenn hier mehr auf die Fragezeichen eingegangen werden soll als auf die einzelnen Ergebnisse, so deshalb, weil im kritischen Zwischengebiet zwischen Materialforschung und Interpretation erkennbar wurde, wie es weitergehen könnte.

Feste Ausgangspunkte der Berliner Konferenz waren die Dokumente der Ausstellung; eine eindringliche, vom Fernsehen festgehaltene szenische Lesung des „Berichts an eine Akademie“ durch Klaus Kammer; die Tagesordnungspunkte, die unter anderem Probleme der Erstausgaben und Erstdrucke, die Erörterung neuer Funde und Prolegomena zu einer historisch-kritischen Ausgabe vorsahen.