Doch die Hinweise werden noch wichtiger, gleichzeitig versteckter und hintergründiger, wo er nach Berlin von dem Entstehen seiner Geschichte "Die Verwandlung" berichtet und sich, zuweilen die Distanz des leicht Komischen einlegend, zum Vorgang "des Schreibens" äußert, zu eben dem Vorgang, den er durch eine Belastung mit "schweren Möbeln" bedroht sieht. Er berichtet von der "kleinen Geschichte", die ihn bedrängt, als von einem lebendigen Ding. Die liebevoll-ironische und besorgte Tonart, in der er von dieser Geschichte spricht, ist ganz ähnlich der Tonart, die er in "Die Sorge des Hausvaters" seinem Ding Odradek gegenüber anschlägt. Nicht von der fertigen Geschichte "Die Verwandlung" schreibt er in seinen Briefen, sondern von der entstehenden.

Hier war, kaum bemerkt, eine der wenigen Verbindungen zwischen einem biographisch akzentuierten Vortrag und der Interpretationsdiskussion, die Wilhelm Emrichs und Malcolm Pasleys Stellungnahmen zur Odradek-Geschichte auslöste. Zwischenstationen der beiden einander konfrontierten Deutungen wurden von dort her bestätigt, aber wohl kaum des einen oder des anderen Endergebnis.

Emrich, von einem Vergleich Kafkascher Bilder und Motive ausgehend, kommt in bezug auf das "verfitzte Ding" Odradek, das "der Hausvater" mit Sorge betrachtet und beschreibt, zu dem Schluß (einem universellen, in Hegelscher Weise "aufhebenden" Schluß), dieses Rätselding stelle "das Fazit aller in der Menschen- und Tiergesellschaft sich vollziehenden Bemühungen" dar, das "Ineinander und Gegeneinander aller menschlichen Lebens- und Denkvorgänge".

Pasley, der von der Werkchronologie ausgeht und deshalb die Nähe der Geschichten "Der Jäger Gracchus" und "Elf Söhne" hervorhebt, kommt zu der Folgerung – eine Folgerung, die mehr ins "Private" statt ins "Universale" führt –, Odradek scheine "eine Chiffre für Kafka selbst zu sein", ein "neues Bild seiner eigenen Existenz aus der Vaterperspektive", und er meint, auf einer zweiten Interpretationsstufe müsse gefragt werden, was Kafka durch eine solche "Poetisierung seiner Existenzproblematik" ausdrücken wollte.

Beiden Interpretationen sind Kafkas eigene Aussagen entgegenzuhalten. In den Briefen an Feiice Bauer wird eine unfertige, im Entstehen begriffene Geschichte zu einem Ding wie Odradek, das sich entzieht, das beweglich ist, das sich nicht greifen läßt, das zwischendurch verschwindet, das unüberblickbar ist, gegenüber dem Kafka Sorgen hat. Sowohl das Ironische wie das Schmerzhafte dieses Vorgangs wird in den Briefstellen deutlich. Die "kleine Geschichte", die ihn bedränge, sei "ein wenig fürchterlich", sie werde ihr "tüchtig Angst machen", "was ist das für eine ausnehmend ekelhafte Geschichte"; sie wird ein dingliches, intrigantes Lebewesen: Die kleine Geschichte wolle ihn seit Tagen glauben machen, daß er sich verrannt habe. "Unvollendet wird sie bis morgen nacht zum Himmel starren."

Von dieser Stilmischung aus Ironie, Betroffenheit und Sachlichkeit aus, die sich auf eine entstehende Geschichte bezieht, wird, so scheint mir, "Die Sorge des Hausvaters" greifbarer. Der Vorgang des Schreibens zeichnet sich ab, er steht im Mittelpunkt. "Das Schreiben" steht für Kafka als zentraler Begriff in seinem Leben, nach ihm richten sich auch seine persönlichen Entscheidungen. Das Recht zu seiner Verlobung hat er, nach seiner Ansicht, "nur aus dem derzeitigen guten Schreiben" gewonnen. Schreiben trotz allem: "Es ist mein Kampf um die Selbsterhaltung." "Man kann mich doch nicht ganz aus dem Schreiben hinauswerfen, wenn ich schon einige Male dachte, in seiner Mitte, in seiner Wärme zu sitzen." Auf diesen Vorgang des Schreibens ist die "Sorge des Hausvaters" bezogen. Die kurze Geschichte steht also mit Recht im Mittelpunkt des Interesses der Interpreten, weil sie einen zentralen Impuls vom Leben und Werk Kafkas verkörpert und ins Bild bringt; denn es bestätigt sich, durch den Vergleich mit den bisher unveröffentlichten Briefen, daß er hier weitgehend die Sorge des Schreibenden beschreibt – wobei das Ding Odradek keineswegs das fertige, abgeschlossene Werk ist, sondern das sich immer wieder entziehende, bewegliche, erst zu schreibende Werk: und damit viel mehr natürlich als ein schriftstellerisches, abschließbares Werk, sondern das, was notwendigerweise geschrieben werden soll, was außerhalb des Berechenbaren und Festhaltbaren liegt.

Es zeigt sich an diesem Beispielfall, daß sich für eine Interpretation mit Vergleichsgrundlage nennbare Ergebnisse abzeichnen, daß auch Möglichkeiten auszuschließen sind. Sicherlich ist Odradek nicht nur bezogen auf ein abgerücktes, bewegliches, schwer einzufallendes Ding – nämlich auf die zu schreibende, unter der Feder befindliche Geschichte selbst – sondern auch auf das Bewegliche, Nichtberechenbare in Kafka: Denn dessen will er ja beim Schreiben habhaft werden. Und das zeigt auch einen allgemeinen Menschenaspekt, unleugbar.