Die Rasierklingenhersteller kreuzen wieder einmal die Klingen. Im Brennpunkt steht wieder die kunststoffbeschichtete, eisgehärtete, rostfreie, langlebige Spezialrasierklinge, die im Volksmund „Wunderklinge“ heißt. Es geht dabei nicht nur um Leben und Tod jener Rasierklingenhersteller, die das Massensterben der letzten 15 Jahre überlebten, sondern auch um die Existenz des Rasierklingen-Verbandes.

Die wichtigste Rolle in diesem Streit spielt der größte Rasierklingenfabrikant der Welt, die in Boston ansässige Gillette Company, die ein patentwürdiges Verfahren zur Kunststoffbeschichtung von Rasierklingen entwickelt haben will. Ende 1960 stellte sie – über ihre Tochter, die in Berlin ansässige Gillette Roth-Büchner GmbH – beim Münchner Patentamt den Antrag, daß es allein Gillette erlaubt sein sollte, bei der Rasierklingenherstellung Tellon zu verwenden. Hiergegen erhoben mehrere Firmen Einspruch, darunter das in Solingen ansässige Tondeo-Werk und die Londoner Wilkinson Sword Ltd.

Tatsächlich ist Wilkinson vor Gillette mit einer kunststoffbeschichteten „Wunderklinge“ auf dem Weltmarkt erschienen. Deshalb gehört es zu den bis heute ungeklärten Merkwürdigkeiten dieses Streites, daß Wilkinson seinen Einspruch gegen das Patentbegehren des Großkonkurrenten zurückzog und mit Gillette einen Lizenzvertrag abschloß. Tondeo jedoch blieb hart und im Februar dieses Jahres wies das Münchener Patentamt das Patentbegehren der Gillette-Tochter zurück. Gegen diesen Spruch erhob nun Gillette beim Patentgericht Einspruch, das nun in dieser Angelegenheit eine letztinstanzliche Entscheidung fällen wird.

Inzwischen hatten jedoch etwa 15 Solinger Rasierklingenhersteller längst mit der Produktion kunststoffbeschichteter „Wunderklingen“ begonnen. Gegen sechs dieser Firmen strengte Gillette einen Prozeß vor dem Düsseldorfer Landgericht an – und bekam recht. Drei Firmen (Tondeo, Wills, Punktal) gingen in die Berufung. Zugleich bot Gillette allen Solinger Firmen Patentverträge an. Diese Verhandlungen gediehen so weit, daß Gillette schon ihren erfolgreichen Abschluß meldete: etwa fünf Solinger wurden zu Gillette-Lizenznehmern.

Nach dem Spruch des Patentamtes veränderte sich die Lage. Gillette stellte es seinen Lizenznehmern nun frei, bis zur endgültigen Entscheidung des Patentgerichts den Lizenzvertrag einzuhalten oder nicht. Ob Gillette freilich beim Patentgericht mit seinem Patentantrag durchkommen wird, ist sehr ungewiß. Beschickungen mit Teflon werden nämlich schon seit langem bei Schneidwaren verschiedener Art angewendet. Gillette wird das Patentgericht davon überzeugen müssen, daß die Übertragung dieses Prinzips auf Rasierklingen eine patentwürdige Erfindung ist. Deshalb warnte der Vorsitzende des Solinger Rasierklingen-Industrie-Verbandes, Günter Siepen (zugleich Inhaber der Firma Punktal), seine Verbandsmitglieder jüngst vor Lizenzabschlüssen mit Gillette. Er deutete an, daß bereits entrichtete Lizenzgebühren möglicherweise selbst dann nicht zurückgezahlt werden müßten, wenn das Patentbegehren eines Tages endgültig abgewiesen werden sollte.

Diese Äußerung führte zum fristlosen Verbandsaustritt des Tondeo-Werkes und zur Kündigung der Verbandsmitgliedschaft durch Wilkinson und Gillette wegen mangelnder Neutralität des Rasierklingen-Industrie-Verbandes. Da die Mitgliedsbeiträge dieser drei Firmen der Löwenanteil des Verband-Etats darstellen, wird der Verband künftig kaum noch existenzfähig sein.

Gillette hatte dem Verband schon einmal „parteiliches“ Verhalten vorgeworfen. Das war vor eineinhalb Jahren, als er beschloß, den von Gillette zur Einstellung der „Wunderklingen“-Produktion aufgeforderten Solinger Firmen mit Rat und Tat beizustehen. Dieser Verbandsbeschluß wurde jedoch rückgängig gemacht, und der Verbandsfrieden war – wenn auch nur für kurze Zeit – gerettet.

Was nun geschehen wird, ist offen. Der Patentstreit ist ein Symptom für die gegenwärtige Lage auf dem Rasierklingenmarkt: Der Siegeszug der Elektrorasur wurde erst aufgehalten, als die langlebige, kunststoffbeschichtete Klinge auf dem Markt erschien. Heute rasieren sich etwa die Hälfte aller Männer wieder naß. Von diesen wieder benutzt die Hälfte immer noch die gute, alte „Normalklinge“. Der gesamte Klingenabsatz betrug im vorigen Jahr etwa 500 Millionen Stück. Unter den Herstellern der neuen Klinge (Preis 35 Pfennig) sind Gillette und Wilkinson weitaus die größten Produzenten. Gillette sagt man einen Marktanteil von annähernd 70 Prozent nach. zk