Köln

Wer sich im Kölner Nachtleben vergnügen will, kann schnell zum geschlagenen Mann werden. Da wird nicht lange gefackelt: „Pfoten weg von der Puppe“, wird ein Barbesucher angerempelt, der die eigene Frau zum Tanzen bitten will. Oder: „Guck mich nicht so dämlich an.“ Auch diese Floskel genügt schon als Eröffnungszug. Es reicht aber auch, einfach „Huhu“ zu rufen und das Opfer auf die Straße herauszupfeifen. Die Schlägertrupps stehen schon bereit, strategisch geordnet. Flucht ist unmöglich. Und nachher gibt es selten einen Zeugen.

Wer das nicht glauben will, weil es ihm noch nie passiert ist, wird gewarnt: „Nach dem ersten Schlag über den Schädel denken sie anders“, meint der Staatsanwalt Dr. Rolf-Arno Födisch. „Räuber oder Mörder wie Strack gehen über die Bühne. Was Köln verrufen macht, ist das Milieu der Schlager und Zuhälter.“

Nichts illustriert dieses Milieu besser als die Geschichte von Anton Dumm, der mit seinen Fäusten zwar nur in Köln gewirkt hat, dessen Ruf aber inzwischen weit über die Stadtgrenzen hinaus verbreitet wurde. „Es gibt Leute“, so schrieb der „Kölner Stadt-Anzeiger“,„die sagen, daß er sich jahrelang zusammen mit seinen Knochenbrechern durch die Lokale am Ring geschlagen habe, daß zertrümmerte Theken, zersplitterte Gläser und gebrochene Nasenbeine seinen Weg nach oben gezeichnet hätten.“

Sechs Jahre lang versuchten Polizei und Staatsanwaltschaft vergeblich, das Früchtchen Dumm für längere Zeit aus dem Verkehr zu ziehen. Was sie auch gegen ihn vorbrachten – niemand drängte sich danach, Missetaten von „Dumm’se Tünn“ zu bezeugen. Einmal wäre es fast so weit gewesen. Der Staatsanwalt meinte, ihn der Notzucht anklagen zu können: Der Toni hatte beim Tanz ein „leckeres Mädchen“ kennengelernt und erbot sich gegen Morgen, sie nach Hause zu fahren. Statt aber den Weg zu ihrer Wohnung zu nehmen, fuhr er sie in die Nähe eines Baggerloches und bedrängte sie. Trotz Schlägen und Ringkampf „klappte“ es nicht. Das Mädchen entkam und verhielt sich „klassisch richtig“: Von einem Arzt ließ sie sich Würgemale attestieren und erstattete noch am gleichen Tage Anzeige bei der Polizei. Der Sachverhalt war eindeutig. Als jedoch der Staatsanwalt ihre Aussage vor dem Richter sichern wollte, war Toni schon eingestiegen: Er hatte dem Mädchen 900 Mark angeboten, falls sie auf Strafverfolgung verzichten würde. Das Mädchen schwieg und bekam vom Richter eine Ordnungsstrafe, die Dumm bezahlte.

„Dumm’se Tünn“ hatte immer Geld, obwohl er nur symbolisch zu arbeiten schien, einmal als Portier, das andere Mal in einer Schlosserwerkstatt. Er wohnte in einem luxuriösen Appartement und fuhr nur Porsche und Mercedes – gestiftet von den Mädchen, die er für sich laufen ließ. Statussymbole, die seinen Ruf nur noch vergrößerten. Polizeibeamten pflegte er den „Götz von Berlichingen“ zu entbieten. Gastwirte sollen die Bierhähne freiwillig und unentgeltlich aufgedreht haben, wenn Anton Dumm im Anmarsch war, 28 Jahre alt, 1,70 Meter groß, 165 Pfund schwer und erstaunlich gut aussehend, von der Ferne aus betrachtet. So schildert es der Kölner Polizeireporter Björn Held, dem der Raufbold drohte: „Wenn ich den kriege, dreh ich ihm den Kopf auf den Rücken und schlage ihn sechseckig.“ Dumms Verteidiger hatte schon einmal in einer Verhandlung bestätigt: „Wo mein Mandant hinschlägt, wächst kein Gras mehr.“

Um so merkwürdiger findet es Staatsanwalt Födisch, daß die Kölner nicht nur aufatmeten, sondern manche noch Sympathie und Bedauern verspürten, als Anton Dumm am 1. Dezember des vergangenen Jahres festgenommen wurde. Der Haftbefehl war das Ergebnis systematischer Teamarbeit zwischen Kriminalpolizei und Anklagebehörde. Verhaftet wurde Dumm wegen dringenden Tatverdachts der Notzucht am Decksteiner Weiher im Sommer 1963. Die Beamten hatten lange suchen müssen, bis sie jemanden fanden, der ihnen diese Information gab: Ein Kölner Barmädchen, das nachts als „Häschen“ im Play-Club Dienst tut, soll dort von Dumm und seinem Clan, insgesamt 13 Männern, vergewaltigt worden sein.