Höchst, im März

Drei Tage lang kreißte der Berg: von Mittwochabend bis Freitagnachmittag diskutierten die Delegierten des Liberalen Studentenbundes Deutschlands (LSD) im evangelischen Jugendzentrum von Höchst im Odenwald über die Zukunft ihres Verbandes. In Gruppen und Richtungen zersplittert, lauerten Konservative und Reformer darauf, wer welche Katze wann aus dem Sack lassen werde. Drei Tage lang – dann gebar der Berg eine Maus. Man beschloß, die Debatte zu beenden.

Neunzehn ordentliche (und ein paar außerordentliche) Delegiertenkonferenzen hatte der LSD hinter sich. Noch jedesmal gelang es den Jungliberalen, Schlagzeilen zu machen – mit Beschlüssen, die oft dem politischen Credo der liberalen Partei stracks zuwiderliefen. Ende der fünfziger Jahre war der erste ernsthafte Widerspruch gegen die FDP laut geworden. Und bald gingen die liberalen Hochschulgruppen daran, ihr Unbehagen zu Papier zu bringen. Sie veranstalteten Seminare und Klausurtagungen, konzipierten Entwürfe und maßen die Politik der Freien Demokraten an den Grundsätzen ihres Verbandes. Seit 1960 tauchte bei Delegiertenversammlungen der liberalen Studenten die stereotype Forderung nach einer sozialliberalen Koalition zwischen SPD und FDP auf. Sie wurde Jahr für Jahr zum Beschluß erhoben und schließlich von Erich Mende zurückgewiesen, übrigens bei seinem einzigen Auftritt vor dem LSD.

Im Jahre 1961 verkündeten die Münchner Gruppen öffentlich, das neue Programm der SPD sei „das einzige Parteiprogramm in Deutschland, das einen Rahmen für einen modernen und sozial orientierten, nicht nationalistischen Liberalismus abgibt“. Folgerichtig empfahlen sie auch, bei der Bundestagswahl die Stimmen der SPD zu geben. Loyalitätserklärungen anderer Gruppen aber machten es der FDP unmöglich, sich vom LSD insgesamt zu trennen. Überdies bot sich als Nachfolgeorganisation nur ein „Freidemokratischer Studentenbund“ (FDS) an, der unter Mithilfe des bayerischen FDP-Abgeordneten Ertl aus Restbeständen des als rechtsradikal verbotenen „Bundes Nationaler Studenten“ (BNS) gegründet worden war. Diese Organisation war noch weniger nach dem Geschmack der FDP-Führung. So konnte die Münchner Richtung ihren Einfluß vergrößern.

In ihren Entschlüssen und Programmen entfremdeten sich die liberalen Studenten der FDP immer weiter; ein SPD-Mitglied wurde sogar in den Bundesvorstand gewählt, was nicht hinderte, daß die Mehrheit des Verbandes auf jeden Fall mit der FDP zusammenarbeiten wollte. Als aber schließlich die SPD-Mitglieder immer zahlreicher wurden, als die Münchner Gruppen mit dem „Sozialdemokratischen Hochschulbund“, die Wahlreisen von Günter Grass organisierten, als die Blätter der liberalen Studenten die Politiker respektlos attackierten – da riß den Bonnern doch die Geduld. Sie stellten dem LSD ein Ultimatum und strichen, um diesem Ultimatum. den nötigen Nachdruck zu geben, kurzerhand die Gelder für den Verband. Der Liberale Studentenbund schien das gleiche Schicksal zu erleiden wie der Sozialistische Deutsche Studentenbund, den die SPD wegen seines Linksdralls vor die Tür gesetzt hatte.

So war die Situation, als sich die liberalen Studenten in Höchst zusammensetzten. Der Bundesvorstand hatte einen Antrag mitgebracht, der die Forderungen der FDP enthielt: der LSD sollte sich verpflichten, nur die FDP zu unterstützen und sollte sein Programm und die Satzung ändern. Die FDP verlangte, kein SPD-Mitglied dürfe je wieder in den Bundesvorstand gewählt werden.

Schon die Forderung nach einer Satzungsänderung scheiterte daran, daß die dafür erforderliche Zweidrittelmehrheit nicht zu bekommen war; die Gegner besaßen die Sperrminorität. Im übrigen ging auch der FDP-freundlichen Mehrheit der Antrag in vielen Stücken zu weit. 29 von 54 Delegierten unterschrieben eine Erklärung, daß sie „beabsichtigen, kein Mitglied einer anderen Partei als der FDP in den Bundesvorstand zu wählen“. Mit 31 gegen 23 Stimmen wurde ferner beschlossen, Unternehmen wie die Unterstützung der Grass-Wahlreisen müßten künftig unterbleiben; ein Zusatz legte dieses Verbot aber so aus, daß nur Aktivitäten verboten seien, mit denen, „die FDP allgemein als Partei diffamiert oder in ihrer Existenzberechtigung angezweifelt“ werde. Beides jedoch hatte Grass nicht getan.