Von Marianne Kesting

In welcher Vielfalt sich Tankred Dorst bisher auch dem Theaterpublikum präsentierte, ein gemeinsames Moment verbindet alle seine Stücke und Stück-Bearbeitungen: die Freude am reinen Theater und ein gutes Teil Theaterromantik. Unter diesen Aspekt lassen sich letztlich auch seine Ausflüge ins „Theater des Absurden“ („Die Kurve“) oder ins Brechtische („Große Schmährede an der Stadtmauer“) bringen, die nie einer geistigen oder politischen Verbindlichkeit zustrebten, sondern vor allem theatralische Möglichkeiten ausspielten.

Dorsts eigentliches Sujet ist also das „Theater als Theater“ im Stil einer skurril märchenhaften Romantik, die heutzutage so wenig Boden unter den Füßen hat, daß sie zur reinen Theaterromantik wird, voll harmlosen Spaßes und naiven Charmes, und, nebenbei, stilisiert burlesker Bühneneffekte.

Nach der Bearbeitung von „Rameaus Neffe“ nach Diderot und Tiecks „Gestiefeltem Kater“ hat sich Dorst nun dem Elisabethaner Thomas Dekker zugewandt, in dessen „Shoemakers’ Holiday er einiges entdeckte, das seinem Theatersinn entgegenkam: Hoghartsche Volksszenen und charmante Liebeshändel mit Möglichkeiten zur naiven Stilisierung; zudem reizte ihn ein sozialkritischer Aspekt.

Zweifellos signalisiert das Dekkersche Stück, in weit harmloserer Art übrigens als John Gays spätere „Beggars’ Opera“, die Wandlung der englischen Gesellschaft von einer feudalen in eine bürgerlich-kapitalistische. Ein origineller Schuhmachermeister kommt durch Handelsgeist zu Geld und wird Lord Mayor von London. Ein Adliger hingegen, der ein Bürgermädchen heiraten möchte, desertiert bei der Armee und kriecht beim Schuster als Geselle unter, um seinem Mädchen nahe zu sein. Verwischung der Standesunterschiede also. Und wenn auch zum Schluß durch des Königs Gnade alle Liebes- und Standesverwirrungen geglättet werden, so läßt sich doch an Dekkers Komödie ablesen, wie sehr das durch Kaufmannsgeist erstarkte Bürgertum an Selbstbewußtsein gewinnt. Viel mehr nicht.

Was macht Dorst aus dem Stoff? Er brechtianisiert ihn ein wenig und bearbeitet ihn in der Art, wie Brecht George Farquhares „Recruting Officer“ bearbeitete. Es ist Krieg mit Frankreich. Und während der Adlige Lacy Rowland desertiert, um sich seinen Liebeshändeln zu widmen, muß der Schustergeselle Ralph ins Feld ziehen und sich von seiner Frau trennen. Er kehrt als Krüppel zurück. Soweit noch Dekkers Text.

Dorst aber hebt nun hervor, daß Lacy mit dem Krieg sein Geschäft macht, und zwar unter Assistenz des Schusters Simon Eyres, den sein auf nicht ganz saubere Weise gewonnenes Geld auf einen hohen Posten schiebt. Bei Dorst wird er Friedensrichter von London, ein kauziger Adzdak, der zu guter Letzt unter dem wohlwollenden Lächeln seines Königs allen zu ihrem Recht verhilft: dem verstümmelten Ralph wieder zu seiner Frau und auch zu etwas Geld, dem adelig-bürgerlichen Liebespaar zur anerkannten Ehe. Und der König – er gibt allen seinen Segen. So hält sich Dorst quasi zwischen Brecht und Dekker: Er schwächt die laute Huldigung an die königliche Gnade, mit der Dekker sein Stück begann und beschloß, etwas ab, indem er den Schuster zur Hauptfigur der Schlußszene erhebt und das Ganze zur Farce tendieren läßt. Anders als der listige Volksrichter Adzdak bei Brecht, der mit seiner abstrusen Rechtsprechung in einer Bürgerkriegssituation doch immer Agent des Volkes bleibt, ist Simon Eyre bei Dorst eine durchaus zwielichtige Figur, die vor allem, sei es auch mit schmutzigen Geschäften, Richter von London werden will, aber zugleich das Volk, das doch vielleicht Leidensträger seiner Manipulationen ist, nicht vergißt und zudem das feudal-bürgerliche Liebespaar auch noch unterstützt. Die Moral von der Geschieht ist, daß, wenn auch Geld und Arrivieren über alles geht, doch das Herz auf dem rechten Fleck bleiben kann.