Von Dieter Roß

Robert Payne: Lenin – Sein Leben und sein Tod. Rütten & Loening Verlag, München; 480 Seiten, 32,– DM

Auf der ersten Seite behauptet Payne, er habe mit seiner Biographie den Versuch gemacht, "Lenin von der Legende zu trennen und ihn als den wirklichen Menschen zu sehen, der er gewesen". 460 Seiten später, im letzten Satz, verweist er seinen Helden "in die Gesellschaft eines Sanherib, Nebukadnezar, Dschingis-Khan und Timur – und damit in das Reich der Mythen". – Überraschend ist dieser Widerspruch für den Leser indessen kaum, denn Payne gibt schnell zu erkennen, daß für ihn die Vermenschlichung Lenins im Grunde nichts als ein Mittel zur Dämonisierung darstellt: Der Autor stilisiert das Menschliche nämlich bis in jene Dimensionen, wo selbst Alltägliches den Geruch des Außerordentlichen annimmt. Schon der kleine Knabe Wladimir Iljitsch zeigte nach Payne die "seltsame Gewohnheit, Gegenstände zu zerbrechen". Und ahnungsvoll fügt er hinzu: "Jungen dieses Schlages werden später im Leben als Erwachsene leicht zu Unruhestiftern im Großen."

Wessen Charakter schon in der Kindheit soviel Gewalttätigkeit ankündigt, der kann, nachdem er in seinem Leben "alle Künste der Zerstörung" tausendfach erprobt hat, kaum eines natürlichen Todes sterben. Vier Schlaganfälle und der Befund von zehn angesehenen Ärzten – von anderen Zeugnissen ganz zu schweigen – vermögen wenig gegen die Phantasie eines Schriftstellers, der in der Geschichte, zumal in der kommunistischen, einen Tummelplatz menschlicher Abnormitäten sucht. Es bleibt Payne denn auch nichts anderes übrig, als schließlich die Theorie wiederzubeleben, Lenin sei von Stalin vergiftet worden. Spätestens hier merkt der Leser, womit er es zu tun hat: nicht mit einer wissenschaftlich fundierten Biographie, sondern mit einer eher imaginierten Lebensbeschreibung, in der Wahrheit, Wahrscheinlichkeit und Erfindung unentwirrbar verwoben sind; wobei andererseits die psychologische Willkür des Verfassers und seine Vorliebe für das literarische Klischee einen historischen Roman unmöglich machen.

Wo seine Geschichtskenntnis nicht ausreicht, die Gedanken und Handlungen Lenins zu deuten, sucht Payne eilig Zuflucht bei der russischen Belletristik, vor allem bei Dostojewskij, Turgenjew, Tschernyschewskij. Über das Verhältnis Lenins zu Inés Armand liest man: "Ebenso wie Lenin sich in seiner Jugend ganz bewußt Tschernyschewskijs Rachmetew zum Vorbild genommen hatte ... so hatte sich Inessa die Heldin des Romans (,Was tun?’) Vera Pawlowna zum Vorbild genommen...; ihre Charaktere waren durch die Phantasiegestalten unmerklich umgewandelt worden, und nun spielten sie die Rollen, die Tschernyschewskij ihnen vorgezeichnet hatte ..." Und überhaupt: "Lenin verbrachte einen großen Teil seines Lebens in enger Gemeinschaft mit Frauen." Ein großer Teil des Buches wird denn auch diesen Affären gewidmet, ganz im Geiste von Beucler und Alexinskij, die vor dreißig Jahren "Les Amours Secrets de Lenine" niederschrieben. Und wo es an beweiskräftigen Unterlagen mangelt, benutzt Payne die versteckte Andeutung: "Schon bald redete Lenin sie mit dem familiären Du an, dessen man sich unter gebildeten Russen nur zwischen Nahestehenden bedient..."

Ähnlich untergründig schildert Payne auch politische Vorgänge. Wo eine sachliche Analyse sozialer und militärischer Hintergründe vonnöten wäre, findet man einen oberflächlichen Symbolismus. Lenins Rückkehr aus dem Exil nach Petersburg am Ostermontag 1917 läßt allerhand ahnen: "Alles, was mit jenem seltsamen Triumphzug zusammenhing, schien eine düstere Symbolik anzunehmen. Die Dunkelheit, das jähe Aufleuchten der Scheinwerfer, die Rote Garde, die gefahrdrohend die Straßen säumte, das Beerdigungstempo der Panzerwagen, die über die Pflastersteine rumpelten..." Wer kann noch zweifeln, daß hier die Grablegung eines Zeitalters bevorsteht, zumal Lenin wenige Stunden später seine April-Thesen formulieren wird, –"mit kratzender Feder", versteht sich.

Unter den Gegenständen, die Lenin in seinem Zimmer im Kreml umgaben, verleiten zwei den Autor zu einer ebenso wortreichen wie widerspruchsvollen Charakteristik seines Helden: die Bronzefigur eines Affen und ein Totenschädel. Sie offenbaren Payne Lenins Gedankenwelt: "Alle Menschen sind Affen, und sie müssen sich seinem Willen gemäß bewegen oder sie werden in Totenschädel verwandelt." Doch Lenin "verachtete nicht etwa die Menschen", wenngleich andererseits natürlich unter seinen vielen Fehlern "seine tiefe Verachtung für die Menschen" der größte war. Er war eben "seltsam menschlich"! Um dem Leser derartige Widersprüche bei Lenin nahezubringen, braucht Payne einige Seiten. Bei Chargen reicht zur Not auch ein Nebensatz. Dem berüchtigten Doppelagenten Roman Malinowskij bescheinigt der Autor kurzerhand, er sei "zum Jähzorn neigend und mit kühlem Verstand" begabt gewesen.