Suppe allein macht nicht dick. Suppe aber als Zusatzkost kann die ideale Kalorienmenge zum Überschreiten bringen. Als erster Gang einer deutschen Sonn- und Feiertagsmahlzeit ist sie Standardnahrung Nummer eins. Sie dem sonntäglichen Bereich zu entziehen und zum alltäglichen Bestandteil der Mahlzeit – nicht nur in Gaststätten und Betriebskantinen – sowie zum gängigen Zwischengericht abzustempeln, ist das zwar nicht vereinte, wohl aber gleichgerichtete Bemühen bundesdeutscher Suppenfabrikanten.

Maggi, Tochter des Nestlé-Konzerns und größter deutscher Hersteller kochfertiger Suppen, veranstaltete im vorigen Jahr ein Preisausschreiben, in dem sechs Suppen-Sets (Suppen-Spezialgeschirr), von sechs namhaften Designern eigens für Maggi entworfen, geschmacklich zu bewerten waren. Außerdem mußten die Teilnehmer einzelne Maggi-Schachtelsuppen identifizieren.

Knorr stärkster Maggi-Konkurrent, der Maizena-Gruppe zugehörig und zweitgrößter Suppenkoch Deutschlands, ließ sich von Rosenthal eine Suppentasse mit Spezial-Unterteller entwerfen und verkündete die Snack-Masche. Snack ist eine dem Amerikanischen entlehnte Kombination von Suppe und belegten Broten, als Zwischenmahlzeit eingeplant und von Knorrs Public-Relations-Manager – der „Informationszentrale“ der Werbeagentur Hegemann – lautstark propagiert. Ein Mitarbeiter bereist gegenwärtig alle Autobahn-Raststätten, um die Suppen-Snacks auf die Speisekarte zu bringen.

Der Kampf um den Suppenkunden ist in deutschen Landen wie ein Kampf um möglichst große Portionen eines Kuchens, von dem es so aussieht, als werde er zur Zeit nicht mehr größer, sondern als schmölze er vielmehr langsam; dahin. 1964 sank die produzierte Menge kochfertiger Suppen um 6 Prozent, der Wert dieser Suppen gar um 11,2 Prozent. Auch 1965 setzte sich die Stagnation dieses Spezialmarktes fort.

Die Schuld an dieser Entwicklung ist nicht jenen Millionen Ferienreisenden zuzuschreiben, die vier Wochen des Jahres außerhalb Deutschlands verbringen, fern der Absatzsphäre deutscher Trockensuppenproduzenten. Das Produktionsvolumen der gesamten deutschen Ernährungsindustrie nahm nämlich 1964 um 8,5 Prozent (auf gut 42 Milliarden Mark) zu. Der Umsatzstopp während der vierwöchigen Marktferne der Urlauber wird kompensiert durch ihre Gewöhnung an die Suppenfreudigkeit mancher ausländischen Gastgeber. Wie weit hier Gewöhnung gleichzusetzen ist mit Verwöhnung der Zungen, ist schwer zu sagen. Letztere wird nicht unbedingt Trockensuppenabsatz fördernd wirken.

Schuld am Wachstumsstopp des Marktes kochfertiger Suppen ist gewiß auch nicht jene – von Ehemännern geförderte – innere Einstellung mancher Hausfrauen, der Knorr durch den Slogan „Unsererseits gut vorbereitet – Ihrerseits perfekt gekocht!“ entgegenzutreten suchte: Relativ wenige Frauen lassen sich von Nachbarn und Gatten aufwiegeln zu einer Haltung, die den Zeitgewinn durch vorfabrizierte Waren als ehrenrührig betrachtet. Nicht mehr allzu viele Hausfrauen glauben, es gehöre zu ihren ehelichen Pflichten, selber die Suppenbestandteile zusammenzubasteln statt zur Packung oder zum Beutel zu greifen. Der Anteil vorfabrizierter Ware am gesamten deutschen Suppenverbrauch wird auf etwa 50 Prozent geschätzt.

Das Arbeitsersparnis-Moment wirkt weit eher anspornend auf den Fertigsuppenabsatz. Die Berufstätigkeit der Frauen macht sich ja nicht nur am eigenen Herd bemerkbar; sie steigert auch den Absatz vorfabrizierter Kantinensuppen und Automatenbrühen.

Was wirklich den Verbrauch der traditionellen kochfertigen Suppen hemmt, ist zweierlei: die Konkurrenz branchenfremder Artikel und die Konkurrenz der tafelfertigen Dosensuppen.

Die Suppe (laut Brockhaus vom niederdeutschen supen – saufen, schlürfen abgeleitet) ist der sogenannten Substitutionskonkurrenz ausgeliefert wie kaum ein anderes Produkt. Sie ist zu verdrängen durch Vorspeisen wie Eierkuchen, Fischsalate, Obstkompott oder durch Getränke: durch Cocktails, Aperitifs, Tomaten- oder Obstsäfte. Sie läßt sich aber auch von zu erwartenden Nachspeisen in die Ecke drücken: von Käse, Aufschnitt und Kaffee.

Seit wenigen Jahren kommt die Konkurrenz auch aus dem eigenen Lager: Die Dosensuppen machen sich breit. Feinkostsuppen wie Bouillabaisse, Schildkröt- und französische Zwiebelsuppe zu Preisen zwischen 2 und 5 Mark für zwei Teller gibt es schon seit eh und je. Ihre Menge hielt und hält sich in engen Grenzen. Seitdem es aber in Dosen tafelfertige Suppen gibt, die nur noch aufgewärmt, und kondensierte Suppen, die nur noch mit Wasser verdünnt zu werden brauchen, neigt die besser denn je mit Haushaltsgeld ausgestattete Frau zur kleinen Mehrausgabe: Pulversuppen kosten normalerweise zwischen 50 und 75 Pfennig, gehobene Sorten gar mehr als eine Mark.

Der Vorteil der Dose: Man braucht ihren Inhalt nicht mehr zu kochen („tafelfertig“), während die Schachtel- und Beutelsuppe („kochfertig“) etwa 10 Minuten lang durchkochen muß.

Der Dosensuppenmarkt zeigt denn auch steil ansteigende Tendenzen: 1962 stieg seine Produktionsmenge um 82,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr, ihr Wert um 58,7 Prozent. 1963: plus 22,7 und plus 14,8 Prozent. 1964, im Rückgangsjahr der kochfertigen Suppen, stieg die Dosenmenge um 18,5 und ihr Wert um 21,8 Prozent. Im ersten Halbjahr 1965 lag die Steigerung der mengenmäßigen Dosenproduktion bei 39,2, der Wert nahm sogar im Zuge des Wohlstandslebens mit immer höheren Ansprüchen sogar um 64 Prozent zu, so daß dieser Teil der Branche wohl erstmalig auf einen Umsatz über 100 Millionen Mark gekommen sein dürfte.

Freilich werden immer noch doppelt so viele Tonnen „trockener“ wie „nasser“ Suppen produziert. Ihr Wert gar ist gegenüber dem der „nassen“ Konkurrenz immer noch dreimal so groß. Immerhin aber beschäftigten sich 1964 schon 41 Hersteller mit der Dosensuppenkocherei, mit der Trockensuppenfabrikation befassen sich aber „nur“ 21 und mit der Herstellung von Brühen, Soßen und Würzen (die in der Statistik gesondert aufgeführt werden) 39 Firmen.

Die Liste der Suppenköche weist keine einzige Aktiengesellschaft auf, die von Gesetzes wegen zu einiger Publizität verpflichtet wäre. Die starke Konkurrenz unterdrückt die freiwillige Mitteilsamkeit der Firmen auf ein Mindestmaß. Um den Suppenmarkt in seiner Größenordnung in den Griff zu bekommen, ist man deshalb auf Schätzungen, Vermutungen und mühsam tröpfelnde Antworten auf konkrete Fragen angewiesen. In Bausch und Bogen läßt sich feststellen, daß der kochfertige Suppenmarkt zu gut 80 Prozent von Maggi (Nestlé) und Knorr (Maizena) beherrscht wird, wobei Maggi weniger als 50 und Knorr mehr als 30 Prozent zugeschrieben werden. Drittgrößter im Trockensuppenbunde ist die Eto Nahrungsmittelfabriken Richard Graebner KG, die zum Oetker-Konzern gehört und deren Marktanteil auf vielleicht 7 Prozent geschätzt wird. Es folgt die Bernhard Zamek KG mit 3 bis 4 Prozent. Den Rest teilen sich Firmen wie die Fritz-Busch-Gruppe (deren Marke „Wela“ vorwiegend über Großküchen und den Versandhandel vertrieben wird), Cenovis (für Reformhäuser), „Erika“, F. Jäckle & Sohn und andere.

Maggi stellt seine kochfertigen Suppen vorwiegend in „2×2“-Faltschachteln her, neuerdings auch in Schachteln, die drei getrennt verpackte Komponenten enthalten. Knorr bevorzugt die Beutel-Verpackung. Beide stellen je 25 bis 30 Suppensorten her.

Maggi besteht auf dem Alleinbenutzungsrecht für seine „Hausfarben“ Gelb/Rot und prozessiert deshalb fleißig, vor allem gegen Knorr. Das Stuttgarter Landgericht entschied im Mai vorigen Jahres zugunsten der Gelbroten, Knorr legte Berufung ein. In Kürze soll vor dem Stuttgarter Oberlandesgericht erneut darüber verhandelt werden, ob Maggi ein Recht darauf hat, die Kombination zweier von insgesamt drei existierenden unvermischten Grundfarben (die dritte ist Blau) für sich zu beschlagnahmen.

Der mit Abstand größte bundesdeutsche Dosensuppen-Produzent ist der Unilever-Konzern. Zu der ihm eingeschachtelten Deutsche Lebensmittelwerke GmbH gehören die Emil Schafft Fleischwerke, die hauptsächlich damit befaßt sind, die zur Zeit 8 Dosensuppensorten der Marke Unox herzustellen, die auf diesem Markt einen Anteil von mindestens 35 Prozent haben. Es folgen die Maggi-Dosen mit etwa 26 und die der Marke Monda von Knorr mit 11 bis 12 Prozent. Ins Gewicht fallen noch Lacroix (Edel-Suppen), die US-Firmen Campbell, Meica, Eto und Jensen. Umsatzziffern werden nicht genannt, nicht einmal Relationen irgendwelcher Art. Setzt man einmal grob voraus, daß die vom Statistischen Bundesamt bekanntgegebenen Produktionszahlen den Umsätzen entsprechen, so dürfte der Umsatz von Knorr 1964 nicht allzu weit unter 200 Millionen Mark und der des Unox-Herstellers Emil Schafft schon nahe der 100-Millionen-Grenze gelegen haben. Maggi setzte 1965 325 Millionen Mark um und Eto gab seinen 1965er Jahresumsatz mit 40 bis 45 Millionen Mark an. Allerdings enthalten diese Umsatzzahen keineswegs nur die koch- oder tafelfertigen Suppen, sondern auch alle anderen Artikel wie Würzen, Brühen, Soßen, aber auch Nährmittel anderer Art.

Eto hat sich vieles vorgenommen. Die Oetker-Tochter eröffnete kürzlich einen neuen Produktionsbetrieb, in dem fünf Millionen Eto-Suppenbeutel pro Schicht hergestellt werden können. Investitionen: 20 Millionen Mark. Überdies scheint Eto die Absicht zu haben, stärker in den Dosensuppenmarkt einzubrechen.

Welche Suppensorten in den Versuchsküchen komponiert und nach Erfindung des preiswertesten Fabrikationsrezeptes in den Markt geworfen werden, entscheidet nicht allein das Fingerspitzengefühl der Top-Manager. Auch das Anhängen an „Renner“ der Konkurrenz ist erfahrungsgemäß nicht der sicherste Weg zu Umsatzpfründen. Statt dessen bedienen sich die großen Suppenköche zur Erkundung der Kundenwünsche des Fingerspitzengefühls und der wissenschaftlichen Erkenntnisse der Marktforscher.

Knorrs Bemühungen um das Aufspüren von Suppen-Marktlücken gipfeln beispielsweise in groß angelegten Untersuchungen über Wandlungen der Verzehrgewohnheiten, die sich das Unternehmen alle zwei Jahre von wechselnden Marktforschungsgruppen erstellen läßt. Schält sich aus dieser Zweijahresanalyse ein neuer Suppen-Geschmacks-Trend heraus, so sucht man ihn unverzüglich zu nutzen.

Die neueste Eß-Tendenz der Deutschen richtet sich – der jüngsten dieser Untersuchungen zufolge – auf Produkte mit „internationalem Image“. Prompt komponierte Knorr französische Zwiebelsuppe, schweizerische Kartoffel- und holländische Gemüsecremesuppe. Die Erkenntnis des „internationalen Trends“ genügte. Die Suppen-Novizen wurden ohne weitere Tests in großer Auflage dem Markte einverleibt.

Anders steigt man bei Maggi in Suppen-Neuheiten ein. Anregungen, die aus irgendwelchen kleinen Fingern stammen, landen dort zunächst beim sogenannten Produktmanager, der sie auf ihre Tauglichkeit überprüft. Das geschieht vorwiegend mittels Spezialaufträgen an mehrere Spezial-Marktforschungsinstitute. Deren Ergebnissen traut man jedoch keineswegs blindlings: firmeneigene Interviewerinnen reisen außerdem noch durch die Lande und arbeiten und testen mit bestimmten Hausfrauengruppen alles Neue inklusive Verpackung noch einmal gründlich durch. Schießlich wird das fertige Produkt in einen oft nur ganz kleinen Testmarkt eingeführt und dort noch einmal vor-erprobt.

Dennoch geschieht es nach allen diesen Vorarbeiten gelegentlich, daß zu guter Letzt die Intuition eines Firmenmanagers alle Pläne über den Haufen wirft. Bei Maggi legt man großen Wert auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Marktforschung und Intuition, wobei freilich das Schwergewicht den Forschern zufällt.

Wie hoch die Kosten derartiger Produkt-Vorbereitungen sind, wie stark sie den Suppen-Endpreis belasten, mochte niemand exakt beziffern. Ubereinstimmung herrscht nur darüber, daß ohne Marktforschung die vorfabrizierten Suppen teurer wären, weil dann zu viel Kapital fehlinvestiert würde. Zur Zeit scheint trotz allseitigen Konkurrenzdruckes keinerlei Preisdruck ausgeübt zu werden. Die Preisbindung der zweiten Hand funktioniert geradezu mustergültig. Trotz Trockensuppen-Stagnation kämpft die Branche deshalb ständig gegen Preiserhöhungs-Versuchungen. Aber auch ohne Preisbindungs – Brecher stehen die Signale zur Zeit auf Rot.

Preiserhöhungsgerüchte wegen gestiegener Rohstoffkosten liegen in der Branche zur Zeit in der Luft, werden aber offiziell nicht bestätigt. Die Margarine-Union ließ auf Anfrage sogar verlauten, sie rechnet vorläufig nicht mit höheren Verkaufspreisen im durchweg preisgebundenen Suppenmarkt. Dies bedeutet, daß der scharfe Wettbewerb zum Auffangen mancher Kostensteigerungen zwang.

Die deutsche Suppenindustrie exportiert nur etwa 1,2 Prozent ihrer Produktion. Damit liegt sie noch unter dem Exportanteil der gesamten Ernährungsindustrie. (2,1 Prozent). Dennoch gehen deutsche Suppen in etwa 50 Länder. Die Fertigsuppen-Importe sind gering, so daß die deutschen Firmen auf dem Inlandsmarkt unter sich bleiben. Ingeborg Zaunttzer-Haase