Ist Walter Ulbricht ein "Aufweichler"? In den Berichten aus Ostberlin heißt es, führende SED-Funktionäre, die einen noch härteren Kurs als ihr Parteichef steuern wollen, hegten diesen Verdacht. Eines ihrer Indizien für Ulbrichts "Tauwetter"-Strategie ist seine Politik gegenüber der Kirche. Bekämpfte er sie früher mit allen Mitteln, so billigt er ihr heute, in Grenzen freilich, Bewegungsfreiheit zu.

Als der Greifswalder Bischof Krummacher im vergangenen Jahr offen die Versuche lokaler SED-Gruppen anprangerte, die Kirche ins Getto zu drängen und eine atheistische Aufklärungs-– offensive zu eröffnen, geschah ihm nichts. Krummacher wurde für seine mutige Kritik nicht zur Rechenschaft gezogen. Unwillen mag unter den "Scharfmachern" in der Parteispitze auch Ulbrichts Billigung erregt haben, daß im letzten Jahr einhundertundfünfzig mitteldeutsche Kirchenmänner zur Teilnahme an ökumenischen Konferenzen ins Ausland und in die Bundesrepublik reisen durften. Erst recht aber müssen sie über seine Genehmigung erzürnt sein, daß die nächste Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes 1969 in Weimar stattfinden kann. Nach dem 13. August wäre dies die erste internationale Kirchenkonferenz auf dem Boden der DDR.

So ist es nicht verwunderlich, wenn optimistische Protestanten bereits den Tag kommen sehen, da der neue Bischof von Berlin-Brandenburg, Präses Scharf, auch seine Gemeinden hinter der Mauer aufsuchen darf. Das freilich ist noch immer eine sehr kühne Hoffnung – wie auch die Erwartung, die Evangelische Kirche in Deutschland sei nicht nur ein juristisches Gebilde, sondern könne bald auch wieder in der Realität als eine Kirche der Einheit wirken. Vorläufig und wohl auch noch für lange Zeit wird sie sich damit abfinden müssen, als eine evangelische Kirche für Deutschland zu gelten und zu handeln, stellvertretend jeweils für die von ihr getrennten Gemeinden.

Auch auf der letzten Synode der EKD in dieser Legislaturperiode stand die Mauer zwischen den Synodalen. Sie tagten wiederum getrennt, als Teilsynoden im westlichen Spandauer Johannisstift und im östlichen Babelsberger Oberlinhaus. Und sie verhandelten auch mit unterschiedlicher Intensität über verschiedene Themen: die DDR-Synodalen eingehender über die sie bedrängenden Sorgen der Militärseelsorge und des Rechtes zur Kriegsdienstverweigerung, die westdeutschen Synodalen vor allem über die EKD-Denkschrift "Zur Lage der Vertriebenen".

Dennoch gab es zwischen beiden "Lagern" einen klaren Konsensus. In Spandau wie in Potsdam fand Krummachers Appell Zustimmung, die Einheit der EKD könne nur gewahrt werden, wenn der eine dem anderen unter gegensätzlichen gesellschaftlichen Bedingungen die Freiheit eigener Entschlüsse gebe und bereit sei, für den anderen mitzudenken. Gewürdigt wurde ebenso das eindeutige Bekenntnis des Greifswalder Bischofs zur einmütigenden Wahl Scharfs, die bewiesen habe, daß die kirchliche Einheit nicht an den staatlichen Grenzen haltmachen könne; akzeptiert wurde – unter den obwaltenden Umständen in der DDR – das kurze Votum der östlichen Teilsynode zur Vertriebenen-Denkschrift an Stelle einer umfassenden gemeinsamen Erklärung der Gesamtsynode.

Der Streit um diese Denkschrift drohte indessen zum Tagungsbeginn die Spandauer Synode selber zu spalten. Sie war ihr Hauptthema; und die Schlußerklärung, die (mit einer einzigen Ausnahme) von allen Partnern der zuvor heftigen Diskussion angenommen wurde, ist ein bedeutsames protestantisches Dokument, wie auch die Einigung der Kontrahenten auf diesen Text als ein kirchenhistorisches Ereignis gelten kann. Hier wurde nicht nur von der Versöhnung (mit den Polen) gesprochen, sie wurde auch (untereinander) praktiziert.

Dazu verhalf auch die Absicht der EKD, einige ungenau formulierte Passagen in der von Vertriebenen innerhalb und außerhalb der Kirche vehement befehdeten Denkschrift klarzustellen. So wurde deutlich gesagt, die Not der Vertriebenen sei die Not aller; eine Kollektivschuld des deutschen Volkes gebe es nicht, wohl aber eine Kollektivhaftung der Älteren und auch der Jungen; ein Verzicht auf die Gebiete an Oder und Neiße könne von der Kirche weder befürwortet noch gar verlangt werden, dies sei allein Sache der Politiker; der Wille zur Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn sei kein Lippenbekenntnis, er sei der notwendige Beginn einer friedlichen Regelung territorialer Streitfragen.