Die in der öffentlichen Diskussion bisher fast durchweg auf die Höhere Schule beschränkte Schulreform hat der Kultusminister von Nordrhein-Westfalen, Professor Dr. Paul Mikat, auch auf die Neuorganisation der Volksschulen ausgedehnt. Seit langem weiß Professor Mikat, bekannt für seine Reformfreudigkeit, bekannt auch dafür, mit Richtlinien und Erlassen nicht sparsam zu sein, daß eine Reform ohne den gesetzgeberischen und organisatorischen Rückhalt sich in der pädagogischen Diskussion zu Tode redet – anderswo ist man mit der Anwendung dieser Erkenntnis etwas zaghafter.

Gründe für den in vielen Fällen ziemlich trostlosen Zustand der Volksschule und ganz besonders ihrer Oberstufe gibt es genug: Weggang der begabten Schüler zu weiterführenden Schulen; Schulmüdigkeit der Übrigbleibenden, die es nicht "geschafft" haben; einfache Übernahme der Unterrichtsmethoden der Grundstufe und vieles andere mehr.

Dem Ziel, alles dieses zu beseitigen und dafür ein brauchbares Schulwesen zu organisieren, dienten in Nordrhein-Westfalen bereits verschiedene Maßnahmen: Seit dem Schuljahr 1965/66 ist der bisher als Wahlfach angebotene Englischunterricht von der fünften Klasse an Pflichtfach. In rund 200 Schulen des Landes besuchten bisher Schüler freiwillig ein neuntes Schuljahr; vom 1. Dezember 1966 an wird laut Landtagsbeschluß dieses neunte Schuljahr für alle verbindlich in den Säulen des Landes eingeführt werden. Seit einiger Zeit ist es auch noch zu einem späteren Zeitpunkt als nach der vierten Klasse möglich, auf eine weiterführende Schule hinüberzuwechseln.

Mit den neuesten "Richtlinien" des Kultusministers soll der Ausbau des Volksschulwesens in Nordrhein-Westfalen nun zügig weitergehen. Diese "Richtlinien" haben vor allem zwei Ziele:

  • die Voraussetzungen für eine vernünftige Durchführung des neunten Schuljahres zu schaffen, das nicht ein bloßes Anhängsel an die bisher üblichen acht Pflichtjahre sein soll, sondern mit den Klassen sieben und acht zusammen eine eigene Organisationsform bilden wird;
  • damit zusammenhängend, aber auch darüber hinausgehend eine weitreichende Differenzierung der Volksschule, die in die Lage versetzt werden soll, dem einzelnen ein den gesellschaftlichen Anforderungen angemessenes Maß von Bildung zu vermitteln.

Im einzelnen sehen die "Richtlinien" vor: Die zukünftige Volksschule gliedert sich in eire Grundschule – Klasse eins bis vier – und eine Hauptschule – Klasse sieben bis neun. Die Jahrgänge fünf und sechs, die sogenannte Beobachtungsstufe, sollen möglichst mit einer Hauptschule verbunden werden; von hier aus ist der Sprung auf ein Gymnasium oder eine Realschule auch nach der vierten Klasse noch möglich. Der Beobachtungsstufe an der Volksschule läuft übrigens am Gymnasium die Erprobungsstufe parallel, in der den kleinen Oberschülern durch besondere pädagogische Mittel über die Schwierigkeiten des Übergangs von einer Schule in die andere hinweggeholfen werden soll.

Die – in der Landesverfassung zwar noch immer garantierte – einklassige Volksschule gehört damit der Vergangenheit an. In der Regel wird die Grundschule aus vier Jahrgangsklassen bestehen. Im Notfall, etwa wenn zu wenig Schüler für vier Klassen da sind, darf sie auch in zwei Züge zusammengefaßt werden. Auch die Beobachtungsstufe wird zwei Jahrgangsklassen umfassen; sie darf auf keinen Fall mit anderen Jahrgängen kombiniert werden. Eine ähnlich sorgfältige Trennung gilt auch für die Jahrgänge der Hauptschule.