Von Ben Witter

Hamburg

Domschänke", Gastwirtschaft und Hotel, Budapesterstraße 10. Neben dem Eingang steht eine 1,80 Meter hohe Personenwaage mit erleuchtetem Spiegel, und hinter der Theke sitzt Herbert Krischker, der Inhaber. An den Wänden hängen alte Photos von Hamburg, Pastellzeichnungen von Wohnwagen und Photos von Catchern. Die Tür zum Klubraum ist offen. Seit zehn Jahren, so scheint es, stehen die Sessel und Stühle um das Klavier herum und warten darauf, daß einer das Klavier endlich woanders hinstellt. Über einem Pingpongtisch ein Ölbild vom Hamburger Dom in Spachteltechnik, gegenüber ein Fischkutter bei leichter Brise, auch in Öl.

"Bin ich am 5. Januar 1908 im Keller des Reichsgerichts in Leipzig geboren oder nicht?" fragt Krischker den Gitarrenspieler. "Wenn das Wetter besser gewesen wäre, hätte dich deine Mutter in dem Planwagen zur Welt gebracht, da er aber zufällig am Reichsgericht vorbeikam, sagte sich dein Vater, hier hältst du jetzt vorsichtshalber."

Ein Mann kommt herein, fragt, ob in der Küche etwas zu essen ist, holt sich einen Teller Suppe, und Krischker sagt: "Ich würde jederzeit wieder mit flüssiger Seife von Tür zu Tür gehen, das war damals der einzige Weg, um Geld zu verdienen. Versuch’ es mit flüssiger Seife, zieh’ sie auf Flaschen und mach’ das nur vier Stunden am Tag, anschließend bestellst du ein Steak... Als Kunstschmied hätte ich höchstens vierzig Mark die Woche Gehalt..."

"Kunstschmied", sagt der Mann und nagt an einem Knorpel. "Das werde ich dir beweisen." Krischker nimmt ein Blatt Papier und entwirft ein Gitter. "Wenn ein Friedhof in ganz Hamburg wenigstens solch ein Gitter hätte." Der Gitarrenspieler begann was Russisches zu spielen.

"Ich sage dir noch, was du spielen sollst", ruft Krischker und läßt einen Fünfer über die Theke rollen. "Das ist für gestern." Dann dreht er sich wieder zu dem Mann, der vor seiner Suppe sitzt: "Während ich mit flüssiger Seife von Tür zu Tür ging, wohnte ich in einem Hotel und besaß in Kürze die Mittel, um eine Schießbude in der ‚Indra‘ auf der Großen Freiheit zu eröffnen. Und weißt du, wer dort stand? Die Dora. Der Laden war immer voll von Amerikanern und Chinesen, die auf der ‚Manhattan‘ und der ‚Washington‘ fuhren. Ich ging tagsüber weiter von Tür zu Tür, allerdings mit englischen Stoffen, spielte den Seemann, der schnell zu Geld kommen mußte, weil er sein Schiff verpaßt hat."