Von Gert von Eynem

Die Lage an der Freien Universität Berlin hat sich nun doch noch entspannt. Rektor Lieber wird die erstaunliche Empfehlung seines Senats, den Studenten die Hörsäle für politische Veranstaltungen zu sperren, nicht durchführen.

Zwar sollen einseitige politische Agitationen vermieden und radikale Bestrebungen von der Universität ferngehalten werden; aber Veranstaltungen, die einen ernsthaften Beitrag zur Erziehungsaufgabe der Universität leisten, sollen auch weiterhin, in Universitätsgebäuden stattfinden.

Ob damit die Lage endgültig bereinigt ist? Man mag es bezweifeln, wenn man bedenkt, wie günstig die personellen Voraussetzungen im vorigen Herbst dafür schienen, daß sich die Konflikte des Sommersemesters nicht wiederholen würden: Der Winter begann mit einem neuen Rektor, der als liberal und taktisch geschickt galt, und mit einem neuen AStA-Vorsitzenden, der sich als zielbewußter, aber auch besonnener und realistisch denkender Verhandlungsführer bewährt hatte. Trotzdem brachen im Wintersemester die Konflikte von neuem aus. Ihre Ursachen liegen offenbar wesentlich tiefer, und das läßt vermuten, daß die Glut weiter schwelt.

Um das Verhalten sowohl des Rektors und der Professorenmehrheit als auch der Studentenvertreter zu verstehen, tut es not, unter anderem zwei Fakten zu wissen. Das eine betrifft die Sorge des Rektors um die Autonomie und das Ansehen der Universität. Das andere betrifft das "Berliner Modell".

Der Öffentlichkeit – vielen Politikern, manchen Journalisten und einer Menge von Zeitungslesern – fällt es offenbar schwer, den Unterschied zwischen Veranstaltungen zu sehen, die von der Universität oder von der Studentenvertretung selbst getragen werden, und solchen, für die die Universität lediglich ihre Räume zur Verfügung stellt. Man ist geneigt, alles, was in der Universität geschieht, der Universität selbst anzurechnen. Anscheinend ist es schwierig, einer solchen falschen Identifikation wirksam entgegenzutreten. Deshalb ist die Versuchung für den Rektor groß, sein Hausrecht gelegentlich so auszuüben, daß die Studenten es als eine Zensur empfinden.

Faktisch hat es bisher – von einer Jahre zurückliegenden Ausnahme abgesehen – keine Veranstaltung in den Räumen der Freien Universität gegeben, bei der es zu Tumulten oder unwürdigen Szenen gekommen wäre, die das Ansehen der Universität ernsthaft geschädigt hätten. Indessen gerät der Rektor in eine unangenehme Lage, wenn er einen anonymen Telephonanruf erhält, auf einer bevorstehenden Veranstaltung werde, buchstäblich, eine Bombe platzen.