Washington muß den Grundschwächen der Allianz abhelfen

Washington, im März

Dem Blitz aus dem Elysee gegen die Integration der NATO ist kein Donnerschlag aus Washington gefolgt, nur eine gemurmelte Erklärung der vierzehn Regierungschefs des Rumpfbündnisses. Ihr Zustandekommen und ihr Inhalt stellen die Kalamität der Atlantischen Allianz freilich nur noch drastischer heraus. Vier Vollsitzungen der nichtfranzösischen Ratsmitglieder und ungezählte transatlantische Kabelkonsultationen waren nötig, um wenigstens diese Deklaration zustande zu bringen. Frankreich und General de Gaulle werden darin mit keinem Wort erwähnt werden, weil vermieden werden sollte, die Empfindsamkeit des abtrünnigen wie die Nerven jener zaudernden Partner zu strapazieren, die – wie Norwegen, Dänemark, Portugal, Kanada, die Bundesrepublik und die Türkei – aus unterschiedlichen Beweggründen vor einer Demonstration antigaullistischer Solidarität zurückschrecken.

Das kurze Dokument bekräftigt zwar die Notwendigkeit des Atlantischen Verteidigungsvertrages wie die seiner integrierten Organisation für eine wirksame Verteidigung in Friedenszeiten; sie lehnt ein System bilateraler Vereinbarungen ab, wie es de Gaulle als Ersatz anstrebt. Aber es enthält keinen einzigen Hinweis, wie die NATO mit ihm, ohne ihn oder gar gegen ihn erhalten werden soll. Das Vierzehner-Papier stellt nichts weiter dar als eine erste Auffangstellung gegen die Attacke des Generals. Es ist eine Erklärung der Defensive, die einen langwierigen Stellungskrieg einleitet. Trotz aller Beschönigungen zeigt sich Amerika außerstande oder nicht willens, dem Bohren und Drängen de Gaulles mit einem positiven Reformvorschlag für die atlantische Allianz entgegenzutreten, der ihn zwingen würde, zwischen dem Bündnis und der Isolierung zu wählen, und der die anderen Mitglieder dazu bringen könnte, an die Lebensfähigkeit der NATO, notfalls auch ohne Frankreich, zu glauben.

Notstandspläne in der Schublade

Die Taktik dieses Stellungskrieges zeichnet sich in den Überlegungen der Berater schon ab, die Präsident Johnson um sich geschart hat: Dean Rusk, Dean Acheson, George Ball, Charles Bohlen und John Leddy. Es ist eine Taktik des Als-ob. In den Organen der NATO wird weitergearbeitet, als ob es kein Verlangen de Gaulles nach Revision der Integrationsstruktur und nach Unterstellung der fremden Militäranlagen in Frankreich unter französisches Kommando gebe. Das Memorandum des Generals wird so behandelt, als ob es nicht hinreichend präzisiert sei. Washington wartet, als ob er seine Haltung modifizieren könnte wie in der von Paris heraufbeschworenen EWG-Krise. Bilaterale Beratungen der USA, Kanadas und der Bundesrepublik mit ihm über seine Forderungen werden keineswegs ausgeschlossen, doch sollen sie so geführt werden, als ob sie nur in ständiger Fühlungnahme und Abstimmung aller anderen vierzehn NATO-Mitglieder untereinander erfolgen. Die Amerikaner wollen so vorgehen, als ob es gelingen könnte, die Auseinandersetzungen um das Überleben der Allianz so lange hinauszuziehen, daß sie schließlich zum Schaden de Gaulles in die Wahlen zur französischen Nationalversammlung im nächsten Frühjahr hineinwirkt.

Das alles freilich läßt sich nur durchhalten, wenn de Gaulle davon absieht, sich mit unentwegten Rammstößen sofort weiter als Abbruchunternehmer gegen die NATO zu betätigen. Vorwände dazu werden ihm nicht geliefert. Die Notstandspläne für einen Umzug der Hauptquartiere, der Flugplätze, Nachschubdepots und Fernmeldeeinrichtungen aus Frankreich werden zwar intensiver bearbeitet, aber tief in den Schubladen verborgen gehalten. Gleichzeitig wird ebenso eifrig erforscht, ob de Gaulle nicht doch auch ein Selbsterhaltungsinteresse daran haben muß, mit dem Bündnis enger verflochten zu bleiben, als seine Ankündigungen verraten.