Schauspiel von Martin Walser

Städtische Bühne in Heidelberg

Martin Walsers Theaterstück von der Schuld der Vätergeneration gewinnt an Rang und Wichtigkeit in dem gleichen Maße, wie journalistische „Dokumentationen“ und schriftstellerische Halbdokumentationen überhand nehmen. „Bewältigung der Vergangenheit“ droht, als Stoffsammlung serviert, in Theater und Fernsehen Mode zu werden. Von Tatsachenberichten, die entweder erdrücken oder an der Oberfläche plätschern, unterscheidet sich Walsers „Schwarzer Schwan“ durch eine dramatische Fiktion, die dem Zuschauer Distanz ermöglicht und ihm zugleich persönliche Stellungnahme abfordert.

In der Bühnenpraxis können sich die Werkakzente verschieben, ohne daß eine Sinnfälschung eintritt. Interpretationsvarianten zeugen für dramatisches Leben. Außer in Stuttgart, der Uraufführungsbühne, und in Hannover ist „Der Schwarze Schwan“ auch an kleineren Theatern gespielt worden: in Rheydt und jetzt in Heidelberg. Haftet aus Peter Palitzschs Urinszenierung besonders Rudi Gootheins „Mausefalle“ in der Erinnerung, die hamletartige Szene, mit der ein Sohn seinen Vater zum befreienden Schuldbekenntnis bewegen möchte, so verdichtete sich aus schauspielerischen Gegebenheiten in Heidelberg zum Höhepunkt das Schlußgespräch zwischen Vater und Tochter Liberé.

Nach der Enttäuschung Rudi Gootheins, den Jürgen Kloth hellwach gespielt hatte, die Liebe zum Vater und das Erschrecken über Schuldmöglichkeiten intelligent in der Schwebe haltend, brachte der selbstmörderische Pistolenschuß Rudis plötzlich Irm, die Tochter Liberes, verblüffend intensiv in Aktion. Andrea Jonasson weitete den knappen Text, den ihr der Autor gönnt, zu einem Lebensbekenntnis, das mehr als das natürliche Graswachsenlassen über Wissen und Schuldbewußtsein bedeutete. Aus der Klugheit und Vitalität und dem beschwörenden Ton der jungen Schauspielerin entstand ein unwiderstehlicher Appell an den Vater, für das Stück ein betont versöhnlicher Schluß. Malte Jaeger war für den Vater und unablässig sich selbst bestrafenden Professor Liberé die treffende Besetzung. Seine Introvertiertheit begann, sich unter dem Appell seiner Tochter so diskret wie überzeugend zu lösen.

Die Heidelberger Inszenierung war von dem Regisseur Alfons Lipp auch im übrigen schauspielerisch durchgefeilt worden. (Aufhorchen ließ besonders noch das geistesverwirrte Tinchen, dem Eva Michel die herkömmlichen Ophelientöne fernhielt.) Der Bühnenbildner Christian Schieckel hatte alle Szenen auf ein Spielgerüst unter Tiefstrahler-Lampen und vor eine gefängnisartige Hauswand gestellt. Das war dramaturgisch sicherlich richtig. Doch in solchem „Milieu“ gefrieren alle Auftritte, denen Walser Farbe und Konvention des Salons gegeben hat (Frau Liberé, Dr. von Trutz). Aus solcher im Stück begründeten Disproportionalität formaler Elemente schleicht sich zwischendurch so etwas wie Langeweile ein.

Johannes Jacobi