Von Fred Jordan

Maurice Girodias, der diese Serie in der ZEIT (Nr. 42/1965) einleitete, schloß seinen Bericht damit, daß er das Ende der literarischen Zensur in den USA ankündigte. Nun mag einem. Pariser Verleger, der unter den Restriktionen der Fünften Republik zu leiden hat, der Grad intellektueller Freiheit jenseits des Atlantiks beneidenswert erscheinen. Ein Beobachter in der Nähe des Geschehens sieht die Tatsachen jedoch in einem völlig anderen Licht. In Wirklichkeit ist der amerikanische Zensor, dessen Nachruf Girodias mit solcher Eilfertigkeit verfaßt hat, nicht im mindesten bereit, aus dem Leben zu scheiden. Im Gegenteil, er ist sehr munter und rabiat.

Nur wenige Tage, nachdem Girodias bekanntgegeben hatte, daß der letzte Kampf um die literarische Freiheit in Amerika ausgefochten und gewonnen sei, erschienen zwei Polizisten in einer Buchhandlung in Boston, um den Besitzer und einen Angestellten zu verhaften, weil sie „Sexus“ von Henry Miller verkauften.

Einige Wochen vorher hatte das oberste Gericht von Massachusetts „Naked Lunch“ von William Burroughs für obszön erklärt und seinen Verkauf im ganzen Staat verboten.

Dem jungen Verleger von Eros, einer inzwischen verbotenen Zeitschrift, stehen fünf Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von 42 000 Dollar bevor, sofern der Oberste Bundesgerichtshof das von einem unteren Gericht gefällte Urteil nicht revidiert.

Es vergeht kaum eine Woche, ohne daß die Zensur entweder durch die Polizei, die Gerichte oder die Schulen in Aktion tritt.

Ein kürzlich erschienener Bericht des American Book Publishers Council (dem amerikanischen Gegenstück zum Börsenverein) gibt eine Liste von zweiunddreißig einzelnen Büchern an, die in verschiedenen Schulen des Landes auf Widerstand gestoßen sind. Die Liste enthält Bücher wie „Der Fänger im Roggen“ (J. D. Salinger), „1984“ (George Orwell), „Schöne Neue Welt“ (Aldous Huxley), „Der Zauberberg“ (Thomas Mann), „Ich Negerjunge“ (Richard Wright), „Der scharlachrote Buchstabe“ (Nathanael Hawtorn). „Die gute Erde“ (Pearl S. Buck), ganz abgesehen von „Tarzan“ und „Rabbit’s Wedding“, einer Kindererzählung von einer Ehe zwischen einem weißen und einem schwarzen Kaninchen. Der Einwand gegen „Tarzan“, das man aus einer Grundschulbibliothek in einem Vorort von Los Angeles entfernte, wurde damit begründet, daß er und seine Gefährtin Jane nie geheiratet hätten. Die Zensur findet zahlreiche Gründe für das Verbot von Büchern. Der häufigste, wenn auch keineswegs der einzige Grund, der vorgebracht wird, ist „Obszönität“; aber schon zweifelhafte politische Beziehungen eines Autors können ein Verbot bewirken. „Der Zauberer Oz“ zum Beispiel wurde von einem Zensor für eine gefährliche Lektüre gehalten, weil sein Autor – L. Frank Baum – angeblich kommunistische Sympathien hegt.

Trotzdem sind die Änderungen, die in den letzten sieben Jahren an amerikanischen Zensurgesetzen vorgenommen wurden, weitreichend und nicht mehr rückgängig zu machen. In diesen Jahren fiel ein seit langem geltendes Verbot nach dem anderen, als praktisch alle „verbotenen“ Werke von Weltruf gedruckt wurden, angefangen mit „Lady Chatterley“ (D. H. Lawrence) im Jahre 1959: „Fanny Hill“, „Das Kamasutram“, „Wendekreis des Krebses“ und die anderen Bücher von Henry Miller einschließlich der drei Bände der „Rosy Crucifixion“, „Naked Lunch“ (William Burroughs), „Mein Leben Mein Lieben“ (Frank Harris), „Notre Dame des Fleurs“ (Jean Genet) und „Candy“ (Mason Hoffenberg und Terry Southern).

Welche Fortschritte die literarische Freiheit in diesen Jahren gemacht hat, beweist die Tatsache, daß dem Gesetz, das amerikanische Gerichte im allgemeinen in Fällen von „Obszönität“ anwandten, noch im Jahre 1957 eine Gerichtsentscheidung von 1868, aus dem England von Königin Viktoria, zugrundelag. Seine Definition von „Obszönität“ war so weit, daß viele große Werke der Weltliteratur, wie die Bücher von Voltaire und Rousseau, darunter fielen. Der berühmte Prozeß um Joyces „Ulysses“ im Jahre 1933, in dem das Buch auf Grund der Entscheidung von Richter Woolsey in den Vereinigten Staaten zugelassen wurde, hatte die Tür nur einen kleinen Spalt geöffnet; das Urteil konnte keine weitreichende Wirkung haben, weil es niemals vorm Obersten Bundesgerichtshof angefochten wurde und ihm deshalb die verfassungsmäßige Auslegung durch die höchste gerichtliche Instanz des Landes fehlte. Erst im Jahre 1957 machte sich der Oberste Bundesgerichtshof zum ersten Male mutig an die Definition der gesetzlichen Bedeutung des Wortes „obszön“, wobei er wesentlich mehr davon abbiß, als er im folgenden verdauen konnte.

Wenn man die jüngste stürmische Geschichte literarischer Freiheit in Amerika verstehen will, muß man unbedingt eine Vorstellung von der Empfindlichkeit des rechtlichen Gleichgewichts haben, die die Verfassung der Vereinigten Staaten mit sich bringt, welche als „lebendiges“ Dokument eine ständig neue Interpretation erfordert. Eine der Grundlagen, auf der die Verfassung beruht, ist die Garantie der Redefreiheit. Was in sie einbezogen wird und was nicht, ist in der Tat der springende Punkt.

1957 führte der Oberste Gerichtshof Untersuchungen durch und hoffte, mit einer Reihe von Kriterien bestimmen zu können, wann einem Werk der Anspruch auf den Schutz der Verfassung abgesprochen werden konnte. Es hieß, daß das Buch ein „lüsternes Interesse“ wachrufen müsse; daß seine Wirkung auf den „Durchschnittsmenschen“ in Rechnung gestellt werden müsse; daß seine Offenheit die Grenzen des gesellschaftlich Sanktionierten überschreiten müsse; und daß die Anschauungen, die das Buch vertritt, in jeder Hinsicht „ohne die geringste gesellschaftlich konstruktive Bedeutung“ sein müßten, unabhängig davon, in wie starkem Gegensatz sie zu vorherrschenden Meinungen stehen.

Aber diese sorgfältig formulierten Untersuchungen und Kriterien bewiesen wieder einmal, daß Wörter in ihrer Bedeutung wahrlich schillern. Wie läßt sich „lüstern“ präzise definieren? Wann ist etwas „dominierend“? Wie soll man etwas wie „allgemeiner Maßstab einer Gesellschaft“ festlegen? Und schließlich, gibt es überhaupt so etwas wie eine Anschauung ohne „gesellschaftlich konstruktive Bedeutung“?

Diese Fragen begannen die unteren Gerichte Im ganzen Land zu plagen, als sie die neuen Krisen auf die Bücher anzuwenden versuchten, über die sie verhandeln mußen. Es war unverleidlich, daß verschiedene Gerichte zu verschiedenen Entscheidungen kamen. In Kalifornien und Massachusetts beurteilten die obersten Gerichtsöfe den „Wendekreis des Krebses“ als nicht obzön; in New York und Florida bezogen sich die Berichte auf dasselbe Kriterium und befanden das auch für obszön. Letzten Endes wurde es dem Obersten Bundesgerichtshof überlassen, seine eigenen Kriterien klarzustellen, in dem er sich mit jenem Buch, bei dem es zur Berufung kam, einzeln efassen mußte.

Dieses Verfahren kann für jeden Verleger eine ntragbare Erschwernis bedeuten, der bereit ist, Die Risiken auf sich zu nehmen, die sein Beruf gelegentlich mit sich bringt. Im amerikanischen Rechtssystem hat der Angeklagte, wenn er schließlich gewonnen hat, keinen Anspruch auf je Erstattung der Prozeßkosten. Ein Musterbeispiel ist der lange und kostspielige Kampf um das gerichtliche Placet für den „Wendekreis des Krebses“, sicherlich der berühmteste Prozeß dieer Art im Laufe der letzten Jahre. Um ihn durchzufechten, mußte sein Verleger (Grove >ress) nicht weniger als sechzig Prozesse gleichzeitig kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten führen. Weil jede kommunale Verwalungsbehörde entsprechend ihren eigenen Gesetzen und Verordnungen Zensurmaßnahmen verfügen kann, laufen manchmal in einem Staat eine Reihe von Prozessen gleichzeitig, die das gleiche Buch betreffen, und jeder Fall muß für ich durchgefochten werden, bis einer vor die höchste Berufungsinstanz des jeweiligen Staates kommt. In New Jersey zum Beispiel gab es Ireiundzwanzig einzelne Prozesse allein in einem /erwaltungsbezirk. (Die Bundesregierung hat sich in den letzten Jahren aus jeder Zensurtätigkeit herausgehalten; der einzige größere Sektor, auf dem sie die Möglichkeit zur Zensur hat, ist – abgesehen von Zollkontrollen, die sie bei eingeührten Büchern vornimmt – die Post; jedoch tat es seit „Lady Chatterley“ und dem kürzlichen /erbot von Eros keinen bedeutenden Fall von ’ostzensur gegeben.) Es hat drei Jahre gedauert, bis der „Wendekreis des Krebses“ vor den obersten Bundesgerichtshof kam, wo der Verleger schließlich mit einem historischen Urteilspruch belohnt wurde, der den über das Buch verhängten Bann aufhob.

Doch trotz dieses kostspieligen Sieges ist der .Wendekreis des Krebses“ in manchen Teilen des Landes so schwer erhältlich, als wäre das Verbot immer noch in Kraft. Ein Gericht in Philadelphia weigerte sich, die Urteilsfindung des Oberten Bundesgerichtshofs als gültig anzuerkennen, und als ein Buchhändler den „Wendekreis des Krebses“ ins Schaufenster stellte, wurde er verhaftet und in Handschellen abgeführt.

Was ein Gesetz oft nicht erreichen kann, könden Einschüchterungen und Drohungen erreichen. Manchmal geht ein Polizeibeamter selbtändig vor, manchmal zwingt ihn eine kleine, aber stimmkräftige Minderheit zum Eingreifen. Die Wirkung ist gewöhnlich dieselbe.

Chikago bietet einen fast klassischen Fall von ’olizeizensur ohne rechtsgültiges Vorgehen der Belörden. Dort brachte der Polizeichef von Mcunt Prospect, einem nahegelegenen Vorort, der Ball dadurch ins Rollen, daß er eine Seite von „Wendekreis des Krebses“ aufschlug und auf der Stelle entschied, daß das Buch obszön sei. Dann ging er von Laden zu Laden und legte den Inhabern nahe, das Buch aus den Regalen zu entfernen. Nach vollendeter Mission rief er die Polizeichefs weiterer Vororte an, bis die Polizei der meisten Gemeinden um Chikago nach dem „Wendekreis des Krebses“ in den Regalen der Buchhandlungen Ausschau hielt. Meistens genügte es, daß ein Polizist einmal auftauchte, um das Buch unterm Ladentisch verschwinden zu lassen. Innerhalb weniger Tage war der „Wendekreis des Krebses“ in und um Chikago so vollständig aus dem Handel genommen, als hätte ein Gericht ihn für obszön erklärt. Und bis heute ist das Buch trotz der Entscheidung des Obersten Bundesgerichtshofs in der zweitgrößten Stadt der Vereinigten Staaten praktisch nicht erhältlich.

Was sich aber die Zensoren auch gegen die literarische Freiheit einfallen lassen, um jeden Sieg vor Gericht zunichte zu machen, so können sie doch bestenfalls nur hoffen, das Tempo des Fortschritts zu verlangsamen. Der Durchbruch ist zu weit vorangetrieben, als daß er wieder rückgängig gemacht werden könnte. Die Zensurkampagnen ähneln den verzweifelten Rückzugsgefechten der weißen Oberschicht im Süden der USA, die versucht, den Vormarsch der Neger im Kampf um die Bürgerrechte aufzuhalten.

Die Analogie mit dem Bürgerrechtskampf ist keine zufällige. In beiden Fällen beruft man sich auf die Rechte der einzelnen Staaten gegen die Bundesgerichtsbarkeit, um den Fortschritt einzudämmen. Alle Formen politischer und gesellschaftlichen Reaktion entzünden sich an dem hochexplosiven Thema der „Obszönität“. Kurz nachdem James Baldwin seine Bürgerrechtsrede in New Orleans hielt, verurteilte die dortige Polizei seinen Roman „Eine andere Welt“ als obszön. Im augenblicklichen politischen Klima setzt die extreme Rechte auf die Massenwirksamkeit von Kreuzzügen gegen „schmutzige Wörter“, „schmutzige Bücher“, „schmutzige Bilder“. Die Auseinandersetzung um die „Obszönität“ kann als geeigneter demagogischer Steigbügel dienen, um einen politischen Kandidaten in den Sattel zu hieven. In Syracuse (New York) eröffnete der dortige Generalstaatsanwalt seine Kampagne für die Wiederwahl mit einer gut inszenierten Razzia in einer Buchhandlung der Stadt, wobei er einen ziemlich verstörten Angestellten und mehrere Exemplare vom „Wendekreis des Krebses“ zur Strecke brachte; am nächsten Morgen sah man den tüchtigen Kandidaten auf den Titelseiten der Zeitungen, wie er triumphierend die Bücher schwang.

In dem vielleicht dreistesten Fall von Polizeizensur, der sich kürzlich ereignet hat, hoffte der politisch in Bedrängnis geratene Generalstaatsanwalt von Nassau County auf Long Island das Blatt dadurch zu seinen Gunsten zu wenden, daß er eine Polizeirazzia in einer Buchbinderei veranlaßte und die gesamte Auflage der Evergreen Review beschlagnahmen ließ – alle 25 000 Exemplare –, bevor sie gebunden werden konnten. Der Schuß ging nach hinten los. Führende Intellektuelle setzten sich für die Zeitschrift ein und machten aus der Beschlagnahmung eine cause célèbre‚ über die der eifrige Beamte politisch stolperte. Anhänger der John Birch Society, die American Legion, die Legion of Decency, die Daughters of the American Revolution – alle nur erdenklichen rechtsstehenden Gruppen machen sich für eine Zensur stark. Während des Präsidentschaftswahlkampfes biederte sich Goldwaters Republikanische Partei in San Franzisko als feste Burg für alle an, die eine Ausweitung literarischer Freiheit fürchteten. In ihrem Programm traten sie „gegen den Widerstand der Demokraten für eine Gesetzgebung ein, die Beförderung obszöner Literatur durch die Post eindämmen“ sollte.

Eigentümlicherweise ist, über die Argumentation der Juristen hinaus, wenig über eins der zentralen Probleme einer freien Gesellschaft diskutiert worden – die Frage nach den äußersten Grenzen der Freiheit, die noch mit dem öffentlichen Interesse vereinbar sind. Die Intellektuellen in ihrer Gesamtheit haben ihr stillschweigendes Einverständnis mit der völligen Befreiung der Literatur vom Zwang der Zensur erklärt, und es bereitet keinerlei Schwierigkeiten, hervorragende Schriftsteller oder Gelehrte zu finden, wenn das Gutachten eines Experten benötigt wird. Aber Gerichtssäle sind kaum der Ort, wo objektive literarische Kritik in Gang kommt. Unvermeidlich neigen beide Seiten dazu, ihren Fall überzubewerten; wobei die Verteidigung jedes Werk, das zur Debatte steht, auf das Niveau eines literarischen Meisterwerks hebt und die Staatsanwaltschaft nach Schmutz sucht, wo nur der Zimperlichste welchen entdecken würde.

Mit sehr wenigen Ausnahmen ist die tiefere Problematik der Zensur jedoch weitgehend undiskutiert geblieben. Ihre Anhänger argumentieren hauptsächlich mit der Angst, daß die Unschuld Minderjähriger korrumpiert werden könne, deren Bewußtsein für den Reiz erotischer Erregung besonders empfänglich sei. Und so, heißt es, trügen Werke, die es darauf anlegten, sexuelle Begierde hervorzurufen, zu Verbrechen, Jugendkriminalität und schließlich zur Vernichtung eines gesamten gesellschaftlichen Gefüges bei.

Es ist aus mancherlei Gründen schwierig, die Leidenschaft des Buchzensoren mit den Motiven, die sie angeben, in Einklang zu bringen. Einmal bleiben Bücher und Zeitschriften, die ihrer Definition nun tatsächlich entsprechen, weitgehend unbehelligt; Pin-up-Magazine jeder Art und Paperbackromane, die die sexuelle Phantasie anregen, sind überall frei erhältlich; der Sex beherrscht große Teile der Werbung in Fernsehen und Illustrierten. Minderjährige – zweifellos genauso wie Erwachsene – sind ständig einer Flut von sexuellen Provokationen ausgesetzt, nicht zuletzt der körperlichen Nähe von Menschen des anderen Geschlechts. Ganze Industrien spekulieren auf das Bedürfnis von Frauen (und Männern), ihr Aussehen immer begehrenswerter zu machen. Trotzdem hat noch niemand den ernsthaften Vorschlag gemacht, gewisse Modeartikel, die bei beiden Geschlechter in jedem Alter beliebt sind, zu verbieten.

Die Argumentation ist somit völlig absurd; es sei denn, die Befürworter der Zensur forderten die Unterdrückung des Geschlechtstriebes und damit das Aussterben der menschlichen Rasse. Und der letzte Widerspruch ist der, daß die Werke, die den Zensoren am häufigsten als Zielscheibe dienen – Werke von unzweifelbarem literarischem Wert wie „Naked Lunch“, „Wendekreis des Krebses“, und „Last Exit to Brooklyn“ – in Wirklichkeit alles andere als geschlechtlich erregend sind.

Tatsächlich gibt das Fehlen aller Elemente, die es darauf anlegen, die Lust des Lesers anzuregen – ein Fehlen, das alle diese Schriftsteller kennzeichnet – den Schlüssel an die Hand, warum die Zensoren gerade diese Bücher fürchten. Zugegeben, diese Schriftsteller haben den Rahmen der modernen Prosa dadurch erweitert, daß sie die Körperfunktionen des Menschen der gleichen eingehenden Untersuchung unterwerfen, die in Romanen früherer Zeiten seinem Bewußtsein, seiner Seele und seiner Gefühlswelt vorbehalten war. Sie haben Geist und Körper integriert, und wenn das Engagement dabei manchmal emphatisch zugunsten des Körpers ausfällt, so nur, damit das gestörte Gleichgewicht wiederhergestellt wird. Wenn die Erforschung des Menschen in seiner Ganzheit die eigentliche Provinz des Schriftstellers ist, so kann er das Erotische nur auf Kosten der Wahrheit der Beobachtung ausschließen.

Mehr noch: diese Schriftsteller – besonders die amerikanischen Romanciers – gehen über die leidenschaftslose Erforschung des menschlichen Körpers hinaus, nachdem sie im „Obszönen“ die vielleicht wirksamste Waffe im gesamten Arsenal des Schriftstellers erkannt haben, der sich in der Rolle des unerbittlichen Feindes der Gesellschaft sieht, in der er lebt. „Naked Lunch“ ist sicherlich der umfassendste Angriff gegen die Schrecken der modernen Gesellschaft, den es in der amerikanischen Literatur bisher gegeben hat; „Last Exit to Brooklyn“ von Selby ist in seiner unbeteiligten, vernichtenden Kälte und seiner fast ekelerregenden und brutalen Beschreibung eines Sex, der von allen Emotionen entleert ist, eine verheerende Anklage der modernen Riesenstadt und der niederdrückend seelenlosen Monstren, die sie hervorbringt. Und wie steht es mit Miller, der ihnen allen vorangeht, mit seiner kräftigen, rauhen Stimme aus dem Untergrund, die ein Loblied auf den Künstler bellt, der in einem Zeitalter der Heuchelei, der Korruption und des Terrors im Untergrund bleiben muß? Könnte es sein, daß der Zensor den wahren Gehalt dieser Bücher ahnt und instinktiv auf die einzige Art reagiert, die er kennt?

Wenigstens ein Befürworter der Zensur – sicherlich der gebildetste und entschiedenste, der bisher hervorgetreten ist – hat die Katze beinahe aus dem Sack gelassen. George P. Elliot, selbst ein Romancier, hat kürzlich geschrieben: „Ein Buch wie den ‚Wendekreis des Krebses‘ zu schreiben, zu verlegen und zu verkaufen, ist ein ernsthafterer Schlag gegen die Gesellschaft, als ein Pamphlet zu schreiben, zu verlegen und zu verkaufen, das den gewaltsamen Umsturz der Regierung befürwortet... Der einzige einleuchtende Grund für das Verbot von ‚Wendekreis des Krebses‘ ist nicht, daß er pornographisch ist, sondern daß seine Veröffentlichung ein gefährlicher politischer Akt ist. Die Gesellschaft sollte sich denen widersetzen, die sich zu ihren Feinden erklären und sie auf jede erdenkliche Weise unterminieren, nicht zuletzt durch die Pornographie.“

Elliots Empfehlungen haben wenig Aussicht, von einem Obersten Gerichtshof akzeptiert zu werden, der erkannt hat, daß der freie Austausch von – noch so verhaßten und subversiven – Meinungen garantiert werden muß, wenn die amerikanische Demokratie ihre Vitalität behalten will. Der Dichter John Ciardi nannte die Bibliothek einmal „das subversivste Gebäude in der Stadt“, und einige unserer besten Schriftsteller sorgen dafür, daß sie es bleibt. Es sollte langsam klar sein, daß geistige Freiheit unteilbar ist. Eine Trennungslinie zwischen politischer und sexual-moralischer Zensur ziehen zu wollen, ist ein vergebliches Unterfangen. Schließlich ist es kein Zufall, daß jene Länder jede Kritik der Zensur am striktesten unterbinden, die auch in der Einschränkung politischer Differenzierungen am strengsten sind. Auch die Zensur ist unteilbar.