London, im März

Den britischen Links-Zeitungen kann neuerdings der Eintritt in die EWG nicht schnell genug kommen. Cecil King, Herr über "Mirror" und "Sun", hat ganz offenbar zur Attacke gegen Labours Zauderertum geblasen. "Mr. Wilsons Rede in Bristol über Labour und die EWG kann man nur als eine bittere Enttäuschung bezeichnen", schrieb der "Mirror", und fügte fettgedruckt hinzu: "Mr. Wilson nannte Bedingungen für Englands Beitritt, von denen er wissen muß, daß sie unannehmbar sind." Das Geschwisterblatt "Sun" assistierte im gleichen Ton: "Immer noch lauwarm, Mr. Wilson!" und erklärte lapidar: "England muß in den Gemeinsamen Markt, oder es büßt Macht und Wohlstand ein."

Die Konservativen, froh, endlich eine Blöße in der sonst entmutigenden Einheitsfront von Labour-Wählern, Umfrageresultaten und öffentlicher Meinung entdeckt zu haben, beuteten die ausweichende Taktik des Premierministers sogleich in geschickter Weise aus. "Eine konservative Regierung wird sofort nach Amtsantritt eine bindende Erklärung abgeben, daß England die Römischen Verträge unterschreiben wird." Mit dieser Formel demonstrieren Heath und seine Tories Geschlossenheit in den Parteireihen; sie verweisen auf die halben Jas und die halben Neins aus dem Munde der verschiedenen Labour-Führer.

Doch derzeit sind alle Reden auf der Insel Wahlreden, und erst am nächsten Donnerstag werden die Parolen gewogen, und viele werden mit Sicherheit zu leicht befunden. Denn Labour ist gar nicht so desinteressiert an Europa, wie die Tories behaupten, und diese ihrerseits denken gar nicht daran, die englischen Verbraucherwünsche auf dem Brüsseler Altar zu opfern, wie es die Sozialisten ihnen vorwerfen. Liest man auch die Nebensätze in den Reden von Heath und Soames, Maudling und Macleod, so verflüchtigt sich das Bild einer bedingungslosen Hinwendung zu Europa sehr rasch.

In einem Schwall von Fernseh-Optimismus verpackt, erklärte Edward Heath am Montag, also nach Wilsons Rede in Bristol: "Natürlich muß es für uns besondere Regelungen geben", worauf er dann in der gewohnten Tonart fortfuhr: "Aber die Labour-Bedingungen bedeuten, daß England unter einer Labour-Regierung niemals – niemals – hoffen kann, Mitglied der EWG zu werden."

Das mag für die Labour-Bedingungen durchaus zutreffen, ist aber auch für die vage umrissenen "besonderen Regelungen" konservativer Unterhändler nicht völlig ausgeschlossen. Heath beruft sich gern und oft auf seine Unterredung mit dem General in Paris im November. Daß er dabei jedoch den Segen Frankreichs für uneingeschränkte britische Lebensmitteleinfuhren aus Kanada und Neuseeland bekommen habe, auch wenn diese den EWG-Gepflogenheiten widersprechen, darüber ist nichts bekannt.

Die wirtschaftliche Lage Großbritanniens zwingt das Land auf lange Sicht, dem größeren Markt beizutreten. Das ist auch Wilson klar. Die gegenwärtige Handels- und Finanzsituation schreibt jedoch große Wachsamkeit bei diesem Eintritt vor, und das wird auch Heath nicht übersehen. Ein britischer Premier, der proeuropäische Strategie und nationalenglische Taktik nicht zu kombinieren wüßte, wäre demnach fehl an seinem Platze. Bleibt England für alle Zeiten draußen, dann wird es eines Tages ohne Europa und ohne Commonwealth dastehen und zu einem drittrangigen Wirtschaftsfaktor auf dem Weltmarkt absinken. Überstürzt es dagegen jetzt einen Beitritt – immer vorausgesetzt, der General ist mit Bestimmtheit so huldvoll, wie es Monsieur de Broglie auf der WEU-Tagung in London höchst unbestimmt andeutete –, dann werden Englands Hausfrauen ihre Männer sehr bald zu neuen Lohnforderungen anspornen, um die steil kletternden Lebensmittelpreise einzuholen. Dann müßten die höheren Löhne auch alle anderen Kosten treiben, die Wettbewerbsfähigkeit des Landes litte, die Zahlungsbilanz käme nie ins Reine und die Schulden würden nie bezahlt. Der britische Premier, der auf diese Weise eine schwankende Brücke über den Kanal zurechtzimmerte, dürfte auf kein Denkmal am Parliament Square hoffen.