Als der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht zur Feier des fünfzehnten Bestehens der DDR proklamierte, daß es jetzt möglich sei, "die Voraussetzungen für den Übergang zur Fünftagewoche" zu schaffen", war mancher skeptisch. Zu oft hatte man gehört, daß die Arbeitsproduktivität in der DDR noch zu wünschen übrig ließe, daß noch längst nicht alle Möglichkeiten der Rationalisierung und der Einsparung von Arbeitskräften genutzt würden. Jedermann wußte auch, wie hoch die Exportschulden und wie knapp die Arbeitskräfte sind.

Jenen, die sich nach Ulbrichts Rede dennoch unbekümmert auf das verlängerte Wochenende freuten, setzte dann auch bald das "Neue Deutschland" einen Dämpfer auf. Das Zentralorgan der SED schrieb: "Es verträgt sich schlecht mit unserem Wunsch nach einem freien Tag pro Woche, wenn in manchen Betrieben nicht wenig Zeit darauf verwendet werden muß, um Verluste auszugleichen, die durch Ausschuß entstehen, Nacharbeiten vorzunehmen und Reklamationen auszuführen. Entschiedener Kampf für eine hohe und beständige Qualität, für die Senkung der Kosten in jedem Betrieb, in jeder Abteilung, an jedem Arbeitsplatz – nur so geht die Rechnung auf." Wir müssen unsere Kräfte nüchtern einschätzen", hieß es im ND weiter, "der Übergang zur Fünftagewoche bedeutet keine generelle Verkürzung der Arbeitszeit. Das könnte nur durch eine überplanmäßige Steigerung der Arbeitsproduktivität erreicht werden."

Vom 1. April an gibt es nun doch, wenigstens alle vierzehn Tage, für alle Mitarbeiter in der gewerblichen Wirtschaft einen freien Sonnabend. Allerdings müssen die Arbeiter und Angestellten dafür jeden Tag eine halbe Stunde länger arbeiten. Die Arbeitszeit pro Woche verkürzt sich also von 48 Stunden nur auf 45 Stunden.

Diese Neuregelung ist freilich nicht nach jedermanns Geschmack. Jeder hatte sich bereits auf den Achtstundentag eingerichtet, die halbe Stunde Mehrarbeit pro Tag bringt für viele Umstellungen und Schwierigkeiten mit sich. Umfragen ergaben, daß vor allem berufstätige Frauen mit Kindern befürchten, mit ihrer Arbeit zu Hause nicht mehr zurechtzukommen. Um ihnen zu helfen, wurde jetzt das Schulspeisungsprogramm erweitert. Schon heute nehmen von den zweieinhalb Millionen Schulkindern rund 500 000 ihre Hauptmahlzeit in der Schule ein. Dafür werden in jedem Jahr hundert Millionen Mark aus dem Staatshaushalt gezahlt. Nach einer Verordnung des Ministerrats sollen in diesem Jahr weitere 13,6 Millionen Mark dafür ausgegeben werden. Die Kinder selber brauchen nur einen Zuschuß von 50 Pfennig pro Mahlzeit zu zahlen. Hans Queling