Von Wolf Jessen

Es kann gut sein, daß es sich bei dem hier –unseres Wissens zum erstenmal – publizierten Porträt des wohl verhängnisvollsten Mannes der deutschen Geschichte um das einzige wirklich authentische Bildnis Hitlers handelt, das von Malerhand existiert. Wer es aufmerksam betrachtet, den kann es bis in den Schlaf verfolgen. Es ist 1942 entstanden und zeigt alle Spuren einer nicht nur beginnenden Geisteskrankheit, die einem exakten Porträtisten also auch damals schon nicht verborgen bleiben konnten. Es sei dahingestellt, ob Psychiater an Hand dieser Studie die betreffende Krankheit exakt diagnostizieren können (dies ist im übrigen bereits geschehen). Aber selbst Laien wird die irre Dämonie des hier Dargestellten geradezu anspringen. Wenn jemals das unheilvolle Männer-machen-die-Geschichte in einem Bild Gestalt gewonnen hat, dann in diesem. Kunst hat viele Aufgaben. Das "Entlarven" mag unter ihnen die geringste Aufgabe sein. Im Falle Hitlers gewinnt sie andere, historische Aspekte. Es handelt sich hier vielleicht um das wichtigste Historienbild, das je ein deutscher Maler hat malen können.

Warum es bis auf den heutigen Tag so gut wie unbekannt geblieben ist? Die Deutschen sind niemals übermäßig interessiert daran gewesen, Kritik an sich selbst zu üben. Verständliche Scham mag da eine Rolle spielen. Gezeigt wurde das Bild in der Öffentlichkeit zweimal. Zuerst in einer Wanderausstellung, die unmittelbar nach Kriegsschluß durch England führte. Sodann in einer Zusammenstellung dokumentarischer Art im Sommer 1963, in der Galerie "S" – Ben Wargin, in Berlin. Aber das offen Zutageliegende, es wird, wie man weiß, am häufigsten übersehen.

Hitler-Bilder hat es, wie man gleichfalls weiß, einst die Fülle gegeben, auch gemalte. Weniger bekannt ist die Tatsache, daß Hitler, der sich doch gern als Freund besonders der Bildenden Künste gerierte, dem forschenden Blick des Porträtisten nicht standhielt. Fast alle der vielen offiziellen Büsten und der im "Haus der Kunst" zur Schau gestellten Porträts mußten nach Photos von Heinrich Hoffmann verfertigt werden. Es ist zweifelhaft, ob Hitler selbst einem Hofbildhauer wie Arno Breker jemals "gesessen" hat. Parteioffizielle Künstler mußten mehr oder minder heimlich Skizzen machen bei mehr oder minder offiziellen Anlässen, ganz wie jener Professor Klaus Richter, von dem das vorliegende Porträt stammt.

Richter, war ein angesehener Porträtist der zwanziger und dreißiger Jahre, Lehrer-Professor in Berlin, wo er am 25. Januar 1887 geboren und am 3. Januar 1948 gestorben ist. Ein vielseitig künstlerisch begabter Mann, Sohn eines Geheimen Medizinalrats, der zunächst Philosophie und Sprachen in Mailand und München studierte, ehe er das Malstudium bei Lovis Corinth aufnahm. Auch die Anatomie hat er studiert, in Paris bei Dr Robert Richter. Als Schriftsteller publizierte er anatomisch-philosophische Systeme ("Das Buch vom Menschen") und Dichtungen ("Der Schneider Karls des Großen") in esoterischen Verlagen wie A. Scholem und Pollak. Ein Jahr lang war er Schauspieler bei keinem geringeren als Max Reinhardt. Wie selten ein Maler hat er sich zum Menschen auf allen möglichen intellektuellen Wegen herangetastet. Seit 1923 Professor an der Akademie in Königsberg in Ostpreußen für Porträtmalerei, lehrte er gleichzeitig Theaterwissenschaft an der dortigen Universität. Ab 1928 war er in Berlin an der Hochschule für Bildende Künste. Er war der letzte freigewählte Vorsitzende des altehrwürdigen "Vereins Berliner Künstler" und wurde 1940 von Goebbels persönlich, wie man es damals so nannte, "abgebaut". Von 1946 bis 1947 wählte ihn der gleiche Verein wiederum zum Vorsitzenden.

Photos von ihm zeigen einen Typus, der seltsam modern anmutet: ein flinker, gewitzter Berliner mit mächtiger Cäsarenmähne, denkbar unpreußisch. So sehen eigentlich eher Psychiater der Jungschen Schule aus als Maler.

Porträtiert hat Richter in offiziellem Auftrag der Reichstagspräsidenten Löbe, Stresemann auf den Totenbett, den Feldmarschall von Schlieffen und den Reichskunstwart der Weimarer Republik, Edwin Redslob. 1942 gibt ihm, unter veränderten Umständen, ein Luftwaffenkasino den Auftrag, Hermann Göring zu malen, und er macht persönliche Sitzungen zur Bedingung. Tatsächlich transportiert man ihn in die masurischen Wälder. Redegewandt wie er ist, gelingt es ihm sogar, den unwilligen "Reichsmarschall" in natura zu zeichnen. Da Richter ein glänzender Anekdotenerzähler gewesen sein muß, gewinnt er sogar das Vertrauen Görings und darf an einer Mittagstafel teilnehmen.