Von Heinz Josef Herbort

Angesichts der verschiedenen Namenslisten von "Ehrenschutz", "Ehrenkomitee", "Organisationskomitee" und "Sekretariat" für den ersten internationalen Wettbewerb für Modern Jazz in Wien müßte der Beobachter in Hochachtung verstummen. Den Ehrenschutz gewähren der Außen- und Unterrichtsminister, der Wiener Bürgermeister, der Landeshauptmann, ein Stadtrat, ein Generaldirektor, im Ehrenkomitee sitzen die Botschafter von neunzehn Nationen, Professor Karl Böhm und Wolfgang Sawallisch, fünfzehn Intendanten, Direktoren oder Präsidenten von Theatern, Rundfunk- und Fernsehanstalten, Vorstandsmitglieder der Wiener Philharmoniker und der Symphoniker und last but not least Duke Ellington, der erste, der etwas mehr mit Jazz zu tun hat. Jedenfalls ist der Jazz noch nie so sehr geehrt worden, hoffentlich bekommt ihm das.

Man hat dann noch einen Generalsekretär, einen Stellvertretenden Generalsekretär, einen Ressortleiter, ein paar Professoren und Doktoren für die Organisation und einen künstlerischen Leiter: Friedrich Gulda, vormals geschätzter Beethoven-Interpret, heute zudem Jazzpianist und Tenorsaxophonist.

Von ihm stammt auch das Motto, unter dem die Veranstaltung läuft: "Über Vorurteile und Grenzen hinweg bildet der Jazz eine Brücke der Verständigung, und in seinem Bannkreis beginnt die Jugend die Schuld tragischer Vergangenheit zu tilgen. Dieser weltweiten Bewegung ein Forum zu schaffen, in dessen Rahmen deren junge Exponenten in friedlichem Wettstreit ihre Kräfte messen können, ist der Sinn unseres Wettbewerbs."

Sechs Instrumente sind zugelassen: Trompete, Posaune, Saxophon, Klavier, Baß und Schlagzeug. Also nicht Cello oder Flöte, Cembalo oder Orgel. So modern ist augenscheinlich der Modern Jazz in Wien und bei Gulda nicht. In jeder Gruppe winkt ein erster Preis von 1000, ein zweiter Preis von 600 Dollar und den ersten Preisträgern dazu ein 500-Dollar-Stipendium der Berklee School of Music, Boston. Das geforderte Alter der Teilnehmer: zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Jahren. Und in dieser Begrenzung liegt bereits eine weitere Crux dieses Wettbewerbes. Im Dixieland-Stil, den bis noch vor ein paar Jahren fast an jedem Gymnasium eine Gruppe zu spielen eiferte, hätte man ohne Zweifel damals Bewerber in Menge gehabt. Die jungen Leute aus dieser Richtung sind inzwischen zumeist zum Beat abgewandert, jedenfalls nicht zum Modern Jazz. Denn der verlangt ja bereits mehr als nur die Kenntnis der Anfänge des Instrumentalspiels, verlangt eine eigene Sprache, Unvermögen zeigt sich da viel zu leicht. Der junge Musiker benötigt zudem ein stilistisch einigermaßen homogenes Ensemble, braucht viel Zeit, um sich individuell zu entwickeln – und nie waren die zahlreichen musikalischen Vorbilder verschiedener orientiert, andererseits auch durch Platte und Funk näher und genauer zu studieren als im heutigen Modern Jazz. Wofür aber sich entscheiden, wie noch etwas eigenes finden? So schrumpft die Zahl der potentiellen Bewerber schnell.

Zweiundzwanzig Musiker, Amateure und Professionals, meldeten sich für die bundesrepublikanische Regionalausscheidung an, dreizehn wurden zum Ausscheidungskonzert gebeten. Einer von ihnen wurde inzwischen zu alt und startete außer Konkurrenz, ein anderer trat gar nicht erst an. Die restlichen elf: ein Trompeter, drei Saxophonisten, drei Schlagzeuger, zwei Bassisten, zwei Pianisten. Oder, in anderen Kategorien: zwei Berufsmusiker, fünf Studenten, drei kaufmännische Angestellte, ein Drucker – sie kamen alle aus Nordrhein-Westfalen.

Auf einem Podium des allenfalls zu einem Drittel besetzten. Kölner Gürzenich-Saales stellten sie sich einer achtköpfigen Jury: fünf Edelhagen-Musikern, einer Sängerin, einem Dozenten aus Graz und Dietrich Schulz-Koehn. Bigband-Musiker also suchten die besten Improvisations-Solisten – viel fataler kann es nicht mehr werden.