An literarischen Monatsschriften fehlt es in Frankreich nicht, und auch nicht an einer allgemein kulturellen Presse. Was bisher fehlte, war eine eigentliche Literaturzeitung, ein Blatt im Stil des Times Literary Supplement, der Welt der Literatur, der New York Review of Books – und das ist um so verwunderlicher, als die Literaturkritik auch in der französischen Tagespresse eine sehr viel geringere Rolle spielt als etwa in der deutschen und ein Publikum durchaus vorhanden sein müßte.

Seit dem 15. März gibt es eine solche Zeitung; sie heißt La Quinzaine litteraire, erscheint vierzehntägig, wird herausgegeben von François Erval, dem ehemaligen Literaturredakteur von L’Express, der dessen Redaktion verließ, als er nach der Umstellung auf die Magazinform immer weniger Chancen für einen seriösen Literaturteil sah und der Streitereien mit den Herausgebern über die Wichtigkeit oder Unwichtigkeit literarischer Kritik überdrüssig war, und von dem Literaturkritiker Maurice Nadeau. Als Ratgeber erscheint der Romancier Joseph Breitbach ("Bericht über Bruno") im Impressum.

Das erste Heft ist zweiunddreißig Seiten stark, ein Viertel davon Verlagsanzeigen. Programmatische Erklärungen der Herausgeber, Rechtfertigungen, gute Vorsätze fehlen: Ohne sich erst selber ermutigend auf die Schulter zu klopfen, kommt La Quinzaine sofort zur Sache. Maurice Nadeau schreibt über den neuen Roman von Le Clézio (",Le Deluge’ ist ein schönes und großes Werk, vor dem man nicht das Recht hat, den Feinschmecker zu spielen..."), Jean-François Revel macht sich lustig über Luigi Barzinis "Die Italiener" (Spinoza wie Barzini "behaupten kategorisch, daß körperliche Liebe zum frühen Tod führt; ihrer Theorie zufolge müßte die Menschheit immer tugendhafter geworden sein, denn die Verlängerung des menschlichen Lebens in unserem Jahrhundert ist eine notorische Tatsache"), Piotr Rawicz kommentiert Solshenizyn, Roland Barthes Painters Proust-Biographie. François Wahl beschäftigt sich in einem gründlichen Artikel mit den Theorien des russischen Formalismus, Jean-Louis Bory mit dem James-Bond-Buch von Kingsley Amis ("Ist James Bond schuldig? Es gibt so viele mildernde Umstände ..."). Französische und ausländische Literatur, Belletristik und Sachliteratur, Roman und Poesie: die Mischung ist wohldosiert und wohlkontrastiert. Auf methodische Dogmen sind die Mitarbeiter nicht festgelegt.

Neben der Literaturkritik stehen einige Artikel allgemeinerer Art: ein neuer Text von Samuel Beckett, ein Artikel über Ionescos Beförderung auf den Spielplan der Comédie Française ("kann ein Werk, das nun zum nationalen Repertoire gehört, noch frei atmen, sich frei bewegen, leben?"), ein Literaturbrief aus dem Ausland (und zwar aus Deutschland), eine Bestsellerliste – ergänzt durch eine Liste der Bücher, die "im Gespräch" sind (als Kriterium dient die Zahl der Besprechungen, die ihnen gewidmet waren), und eine Liste redaktioneller Empfehlungen.

Aufmachung und Ton der Artikel sind lockerer und weniger streng als etwa im Times Literary Supplement; La Quinzaine richtet sich nicht an den kleinen geschlossenen Kreis der Professionellen und auch nicht an ein allgemeines Publikum, das von Literatur höchstens nebenbei und unter Vorwänden hören will, sondern an die Zwischengruppe der ernsthaft interessierten, der Information und Vermittlung bedürftigen Leser.

Hat so etwas Chancen in Frankreich? La Quinzaine tritt mit einem Handikap an: Es liegt keiner großen und arrivierten Zeitung bei, sondern muß allein aus sich selbst heraus bestehen, muß seinen eigenen Apparat unterhalten und sich ohne fremde Nachhilfe bei der Leserschaft durchsetzen. Dafür ist es frei von dem Zwang, sich den Interessen einer etablierten Zeitung einzuordnen – ein Zwang, der sich fatal auswirken kann, wie an der Welt der Literatur zu beobachten ist. Fünfundsiebzigtausend Stück wurden gedruckt. Wenn sich auf die Dauer wenigstens halb soviel Käufer finden, ist La Quinzaine aus dem gröbsten heraus. Sonst würde spätestens im kommenden Winter ein Nachruf fällig. D.E.Z.