Leipzig, im März

Das "Haus Auensee" ist ein typisches Leipziger Ausflugslokal, zwar schön gelegen, aber innen von bahnhofshallenartiger Trostlosigkeit. Die Ausflügler, die sich gegen Ende der Messe dort an langen Tischen drängten, sahen ein Bild der Bundesrepublik, wie die Kommunisten sie sich wünschen, wie sie aber nicht ist. In bewährter Regie, doch mit gewissem Spielraum für individuelle Äußerungen lief die "XXIII. Deutsche Arbeiterkonferenz" ab, in der zwar zahlreiche westdeutsche "Kollegen" sprachen, aber nie für die Organisation, SPD und DGB, als deren Mitglieder sie auftraten.

Als letzter Redner vor der Mittagspause erschien allerdings ein Mann, der durchaus für seine Organisation sprach: Jupp Ledwohn, in der DDR lebendes Mitglied des Politbüros der KPD. Ledwohn variierte das Hauptthema der Konferenz, den Brief der SED an die SPD, auf seine Weise. Er plädierte für eine Verständigung zwischen SPD und KPD, für gemeinsame Aussprachen und Aktionen von Kommunisten und Sozialdemokraten in den westdeutschen Betrieben – kurz: Er versuchte, die illegale Kommunistische Partei der Bundesrepublik an den Annäherungsversuch der SED anzuhängen.

Die vier westdeutschen Korrespondenten, die diesmal zur Konferenz zugelassen waren, fragten sich kopfschüttelnd: War das mit der SED-Führung abgesprochen? Den Sozialdemokraten die Zusammenarbeit mit einer als verfassungsfeindlich verbotenen Partei zumuten, hieß, ihnen eine auch nur bedingt positive Reaktion auf den Ulbricht-Brief erheblich erschweren. Wer hat daran Interesse, die SED oder die KPD?

Die Antwort kam am nächsten Morgen. Ich habe selten mit solcher Spannung das "Neue Deutschland" gekauft, denn an dem Umfang, in dem Ledwohns Rede dort abgedruckt sein würde, mußte sich die Haltung der SED-Führung ablesen lassen. Es erwies sich: Das Mitglied des Politbüros der KPD hatte nicht mehr Platz bekommen als unbekannte andere Diskussionsredner, und von den Anbiederungsversuchen der KPD an die SPD war kein Wort abgedruckt. Diese Behandlung der Ledwohn-Rede läßt – neben anderen Anzeichen – darauf schließen, daß es der SED mit ihrem Brief an die SPD ernst war.

Ich bin während meines Leipziger Aufenthalts von Offiziellen immer sogleich und meistens nur auf dieses Thema angesprochen worden: Wie wird die SPD reagieren? Wird sie wenigstens den Dialog nicht abwürgen? Fatal bei diesen Erkundigungen wirkte jedoch der Eindruck, daß die ostdeutschen Gesprächspartner meist viel zu große Erwartungen an diesen Dialog knüpften. Es bereitete Mühe, selbst informierten SED-Leuten Grundtatsachen der westdeutschen Politik nahezubringen: daß die SPD mit der CDU – trotz vieler Gegensätze – unendlich viel mehr verbindet als mit der SED; daß nicht nur die Führung der SPD, sondern die ganze Partei wie die Bevölkerung der Bundesrepublik antikommunistisch sind.

"Gemeinsam können SED und SPD doch die gefährlichen Absichten der CDU-Regierung verhindern", sagte mir ein höherer Staatsfunktionär.