Von Marcel Reich-Ranicki

Es wäre wirklich übertrieben,’ wollte man sagen, der Schriftstellerverband der DDR werde in den literarischen Kreisen Ostberlins angefeindet oder gar gehaßt. Das ist nicht wahr. Er wird nur verachtet und verabscheut. Denn die Sache, die er vertreten sollte, verrät er bei jeder Gelegenheit.

Natürlich sind die Mitglieder dieser Organisation, auch wenn sie es wollten, nicht imstande, sie geradeheraus zu bekämpfen. Aber die Schriftsteller von einiger Bedeutung, diejenigen, die ihren Beruf nicht der Gnade der Partei verdanken, die also, anders ausgedrückt, schreiben können, bemühen sich, den Verband zu meiden und zu ignorieren. Und manche sehen keine andere Möglichkeit, als sich von ihm trotz des damit verbundenen Risikos offen und entschieden abzuwenden.

Einer der treuesten Schriftsteller der DDR, Franz Fühmann, ein Mann, in dessen Arbeiten viele Jahre hindurch keinerlei Anzeichen der Skepsis oder gar der Unzufriedenheit zu finden waren, ist Anfang Januar aus Protest gegen die kulturpolitische Linie des 11. Plenums ostentativ aus dem Vorstand des Schriftstellerverbandes ausgetreten. Auch er, einer der bedeutendsten Erzähler der mittleren Generation, gehört seitdem zu der immer größer werdenden Gruppe der schweigenden Schriftsteller der DDR. Zu jenen, die von den gegenwärtigen Kulturpolitikern totgeschwiegen oder beschimpft werden und die man drüben zur Kapitulation zwingen möchte.

Indes haben die letzten Monate erneut bewiesen, daß die Macht der SED, obwohl sie selbstverständlich über alle Publikationsmittel verfügt, in dieser Hinsicht doch eher beschränkt ist. Der auf die Schriftsteller ausgeübte Druck hat eine Situation im literarischen Leben zwischen der Elbe und der Oder geschaffen, deren Übersichtlichkeit fast unheimlich ist. Nie waren die Trennungslinien so klar, nie die Solidarität so groß.

Gewiß, die Wirklichkeit ist differenziert und vielschichtig – dort wie überall. Und diejenigen, die gern sagen, es sei doch alles viel komplizierter, haben natürlich ein für allemal recht. Dennoch läßt sich in formelhafter Überspitzung zusammenfassen: Die Talente schweigen verbittert, die Halbtalente stammeln betreten, die Nichtskönner reden unbeirrt.

Was sich jetzt abspielt, ähnelt einer Kraftprobe. Sie ist für beide Seiten – sowohl für die Partei als auch für die Schriftsteller – gefährlich.