Hagen

Mit unbewegtem Gesicht macht der Zeuge seine Aussage. Auf der Anklagebank, keine fünf Meter von ihm entfernt, sitzen seine ehemaligen Peiniger. Sie schauen an ihm vorbei. Der 51 jährige Kurt Max Thomas, heute Verkaufsdirektor in der amerikanischen Stadt Columbus, gehört zu den 25 Überlebenden des Vernichtungslagers Sobibor. Seine Familie wurde ausgerottet. Thomas war Sanitäter im Lagerlazarett. Beim Lageraufstand im Oktober 1943 konnte er fliehen. Drei Tage lang beantwortete Thomas die Fragen des Vorsitzenden und der Verteidiger ruhig und sachlich. Doch dann überwältigt ihn die Erinnerung. Er bricht zusammen, ein Arzt wird gerufen. Nach drei Stunden kann die Verhandlung wieder aufgenommen werden.

*

Seit dem 6. September 1965 haben sich zwölf ehemalige Angehörige der Wachmannschaft des Vernichtungslagers Sobibor vor dem Hagener Schwurgericht zu verantworten. Die Anklage lautet: Mord und Beihilfe zum Mord an 250 000 Juden. Drei der Angeklagten sind bereits seit mehreren Jahren in Untersuchungshaft: Der 53 jährige Portier Kurt Bolender aus Hamburg, der als SS-Oberscharführer das "Totenlager" von Sobibor leitete und bis zu seiner Verhaftung unter falschem Namen lebte; der 54jährige Vizebühnenmeister Karl Frenzel aus Göttingen, der als SS-Oberscharführer die Arbeitskommandos befehligte; und der 58jährige Franz Wolf aus Eppelheim, der als SS-Unterscharführer die Aufsieht bei der Entkleidung der Opfer hatte. Sie alle sollen sich auch einzelner Exzesse schuldig gemacht haben. Elf der Angeklagten kamen über die sogenannte Euthanasie-Aktion T 4 zum "Einsatz Reinhard"; bei Kriegsende waren sie an der italienischen Front im Partisaneneinsatz.

Das kleine polnische Dorf Sobibor liegt am Bug, südöstlich von Warschau. Kaum eine Landkarte nennt seinen Namen. In dieser einsamen, flachgestreckten Landschaft gibt es nur Sand, Wald und zwei kleine Dörfer in der Umgebung, sonst nichts. Sobibor – ein großer Lageplan im Gerichtssaal zeigt die in vier Teillager gegliederten 50 Baracken – war neben Treblinka und Belzec eines jener Vernichtungslager, die von der SS Ende 1941, Anfang 1942 für die sogenannte "Endlösung der Judenfrage" im ehemaligen Generalgouvernement eingerichtet worden waren. Etwa 1,5 Millionen Juden wurden in den drei Lagern vergast, erschossen oder grausam zu Tode gequält. Die oberste Befehlsgewalt hatte der SS-Gruppenführer Odilo Globonik, er starb 1945; zwei der ehemaligen Lagerkommandanten von Sobibor sind ebenfalls tot; der dritte, SS-Obersturmführer Stangl, konnte noch nicht aufgespürt werden.

Die drei Lager bildeten eine Einheit. So stand der Angeklagte Lambert auch im Düsseldorfer Treblinka-Prozeß vor Gericht; er wurde dort zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Fünf der Angeklagten gehörten zur Wachmannschaft des Lagers Belzec, ehe sie nach Sobibor versetzt wurden. Ihre Tätigkeit in diesem Lager, in dem etwa 600 000 Juden umgebracht wurden, wird jedoch nach einer Entscheidung des Oberlandesgerichts München – vorerst ungesühnt bleiben. Exzessive Tötungen, wie in Treblinka und Sobibor, konnten in Belzec aus Mangel an Zeugen – nur zwei Juden vermochten zu fliehen – keinem der Beschuldigten nachgewiesen werden.

Für den Sobibor-Prozeß jedoch fand der Dortmunder Staatsanwalt Dr. Günter Schermer noch 25 Zeugen in Israel und den USA. Zunächst wollte auch das Hagener Schwurgericht gegen sieben der zwölf Sobibor-Wächter, die wegen Mordbeihilfe angeklagt sind, kein Strafverfahren eröffnen. Auf die Beschwerde der Staatsanwaltschaft hin entschied das Oberlandesgericht Hamm jedoch, daß die Frage, ob den Angeklagten Befehlsnotstand zugebilligt werden könne, mit Hilfe der 25 Zeugen in der Hauptverhandlung geklärt werden solle.