Warschau, im März

Wird der Papst doch zur kirchlichen Tausendjahrfeier nach Polen reisen? Gegenwärtig kann sich in Warschau niemand vorstellen, daß der Streit zwischen Kirche und Staat, der sich am Briefwechsel mit den deutschen Bischöfen entzündet hat, bis zum 3. Mai soweit beigelegt werden könnte, daß ein Klima für eine solche Reise entstünde. Allerdings, die Konferenz der polnischen Bischöfe, die am Montag und Dienstag in Warschau tagte, stand plötzlich im Zeichen eines unverhofften Optimismus. Was ist geschehen?

Schon bei den letzten beiden Monatskonferenzen des polnischen Episkopats hatte sich die Mehrheit der Bischöfe entschieden dafür ausgesprochen, den Streit zu beenden. Der Episkopat dürfe sich, so hieß es, nicht durch Verbitterung leiten lassen, er müsse vielmehr endlich ein Wort der Klärung und Beruhigung sprechen. Dies um so mehr, als von den deutschen Bischöfen leider keine öffentliche Erklärung zu erhoffen sei, die den falschen Auslegungen des Briefwechsels entgegentreten könnte.

Offensichtlich ließ sich Kardinal Wyszynski im Laufe der letzten Wochen von dieser Argumentation umstimmen. Noch Anfang Januar hatte er vor einer Gruppe katholischer Intellektueller erklärt, Kämpfe seien dazu da, um gewonnen zu werden; es werde auch keine falsche „Pax Romana“ geben. Kardinalpredigten und Presseartikel steigerten sich gegenseitig zu immer heftigeren Tönen. Der Kardinal sah sich – nicht ohne Selbstgefühl – plötzlich auf das Podest eines politischen Oppositionsführers, ja fast eines Verfassungsfeindes gehoben. In dieser zugespitzten Lage gelang es schließlich einer Mehrheit der polnischen Bischöfe, ihren Primas davon zu überzeugen, daß es nun Sache der Klügeren sei, einzulenken.

Erzbischof Kominek aus Breslau wurde beauftragt, einen gemeinsamen Hirtenbrief zu entwerfen, der ausdrücklich auch jene „nichtgläubigen Brüder im gemeinsamen Vaterland“ grüßt, die ernst die Wahrheit suchen. Der Brief wiederholt in ruhiger Form die Argumente zur Oder-Neiße- und zur Deutschland-Frage, die Kominek schon Anfang Januar dargelegt hatte. Der Hirtenbrief berührte aber auch den neuralgischsten Punkt: „Wir sind nicht im Namen der Nation, im weltlichen und politischen Sinne aufgetreten. Wenn auch die polnische Nation in ihrer absoluten Mehrheit katholisch ist, so betrachten wir Bischöfe uns jedoch nicht als politische Führer der Nation. Wir sprachen als Vertreter der katholischen Öffentlichkeit im polnischen Volk ..., dem wir nicht mit politischer Weisheit, nicht mit dem Bau dieses oder eines anderen Systems dienen wollen, sondern dadurch, daß wir den Weg zu Christus zeigen.“

Der Hirtenbrief wurde am 6. März in ganz Polen von den Kanzeln verlesen. Elf Tage später geschah dann das Überraschende: Das Parteiorgan „Trybuna Ludu“ druckte den Brief mit geringfügigen Kürzungen im Wortlaut ab. Ein offizieller Kommentar, in herablassend mildem Ton, wenn auch gespickt mit Sticheleien, quittierte das Schreiben vorwiegend positiv. Zwar sei die Sache damit noch nicht ganz erklärt und erledigt, aber es sei doch eine „neue Auslegung“ des Briefes an die Deutschen. Die deutschen Bischöfe seien in ihrem Antwortbrief die besseren Politiker gewesen, leider habe die Vorsehung den Autoren des polnischen Briefs das Talent eines Kardinals Richelieu versagt.

An Stelle monotoner Polemik scheint jetzt allmählich eine Art wirklichen Dialogs zu treten. Kurz vor dem Abdruck des Hirtenbriefs in der „Trybuna Ludu“ hatte Kardinal Wyszynski ein persönliches Schreiben an Gomulka gerichtet. Der Inhalt ist nicht bekannt, doch wird von staatlicher wie von kirchlicher Seite versichert, daß sich das Schreiben in freundlicher Form um eine Annäherung bemüht und einer Papstreise den Weg zu ebnen versucht. Erzbischof Kominek sagte in einer Predigt am 27. Februar, solch eine Papstreise wäre „eine schöne Auszeichnung für Volkspolen und das ganze östliche Lager“.

Also ein Rückzug der polnischen Kirche? Keineswegs ein Rückzug vom Geist des Vatikanischen Konzils. Er gebot den Bischöfen, die Versöhnung mit den Deutschen anzustreben; er veranlaßt sie nun auch, den Dialog mit den regierenden Atheisten zu suchen, die innere Verständigung, die zu den Vorbedingungen auch der äußeren gehört. Die polnischen Bischöfe wollen weder als antikommunistische Widerstandskämpfer noch als nationalistische Kollaborateure betrachtet werden. Daß viele – auch geistliche – Kommentatoren in der Bundesrepublik zu solcher Sicht neigen, ist bei der Warschauer Bischofskonferenz am Montag bitter vermerkt worden.

Hansjakob Stehle