Hamburg

Das sexuelle Verhalten wird sehr unterschiedlich beurteilt. Da gibt es zunächst und vor allem geistige Niveauunterschiede, ferner solche der Schulung und Bildung, schließlich der Erfahrungsverarbeitung, der eigenen Geschlechtszugehörigkeit und so weiter. Von alledem soll jetzt nicht die Rede sein, sondern von einer Unterschiedlichkeit, die man gewöhnlich nicht kennt: von den Generationsunterschieden."

Professor Dr. Dr. Hans Giese, Leiter des Hamburger Instituts für Sexualforschung, hofft auch diesen Generationsunterschied bald deutlicher erkennen zu können. Anfang Februar ließ er an 6128 Studenten und Studentinnen von zwölf Universitäten der Bundesrepublik Fragebogen mit 280 Fragen schicken, die in fünf Gruppen unterteilt sind: Allgemeines zur Person; medizinische Daten; sexuelle Betätigungen in der Kindheit; sexuelle Betätigung seit der Pubertät; Haltungen und Einstellungen gegenüber der Sexualität.

Erinnern sollen sich Neunzehn- bis Vierundzwanzigjährige an Herzklopfen ohne äußeren Anlaß, an Schwindelanfälle, Erröten, Konzentrationsstörungen, Appetitlosigkeit, Alkohol- und Nikotinkonsum in den letzten zwölf Monaten, an heimliche Spiele und die Partner dabei im fünften Lebensjahr, an Praktiken und zeitlichen Ablauf ihrer späteren Liebeserlebnisse. Sie sollen zu Protokoll geben, wie und wo sie aufwuchsen, welche Schulbildung ihre Eltern haben, was sie selber studieren, wer ihr Studium finanziert. Sie werden gefragt, ob sie Sport treiben, gern handarbeiten oder kochen, welche Zensuren ihr Reifezeugnis in Deutsch, Mathematik oder Englisch aufwies, wie oft sie in die Kirche gehen und ob sie aus der DDR (im Fragebogen SBZ genannt) geflüchtet sind. Sie sollen schätzen, wie es wohl mit dem Liebesleben ihrer Kommilitonen und Kommilitoninnen aussieht und erklären, was sie von bestimmten Gesetzen der Bundesrepublik halten, zum Beispiel von den Ehescheidungsgesetzen, den Gesetzen zur Schwangerschaftsunterbrechung, zur Homosexualität oder zum Schutze der Jugend.

Einer Reihe von Fragen folgt vorgedruckt eine Skala von vier oder fünf möglichen Antworten. So kann ein Proband zum Beispiel offenbaren, daß er nie, sehr selten, manchmal oder häufig errötet. Gerade die Antworten auf diese Fragen geben den Fragebogenauswertern vielleicht Aufschlüsse über den Unterschied zwischen dieser und früheren Generationen.

Man errötet nicht mehr so leicht wie die Eltern oder gar die Großeltern. Dafür spricht schon die Tatsache, daß bereits 58 Prozent der befragten Studenten und 54 Prozent der befragteil Studentinnen die offenherzigen Fragebogen ausgefüllt zurückgeschickt haben. Sie füllten sie – vermutlich ohne zu erröten – exakt aus.

Giese und sein Mitarbeiter, der Psychologe Dr. Günther Schmidt, hatten die Rektoren von neunzehn Hochschulen gebeten, zu erlauben, daß man ihre Studenten befrage. Zwölf stimmten zu oder erhoben keinen Einspruch: Berlin (Freie Universität), Bonn, Darmstadt, Erlangen, Frankfurt, Hamburg, Köln, Marburg, Saarbrücken, Stuttgart und Tübingen. Die Rektoren von Freiburg, Göttingen, Hannover, München und Münster erlaubten es nicht. Einige begründeten ihre Absage mit juristischen Erwägungen, zum Beispiel damit, daß im Fragebogen auch nach Dingen gefragt werde, die das Gesetz mit Strafe bedrohe. Andere fürchteten, daß die in letzte Einzelheiten gehenden Fragen unschuldigen Jugendlichen Abgründe eröffnen könnten, von denen sie nichts ahnten, und daß sie dadurch verlockt werden könnten, die Blumen des Bösen zu pflücken.