Wie man mit Statistik und Kalauern die Zuhörer bezwingt – Strauß siegte an der Elbe

Von Kai Hermann

Mit unwiderstehlicher Macht zog es ihn an den Tatort zurück. Lange endete die kaum widerstehliche Macht des Franz Josef Strauß an der Elbe – bis zur vergangenen Woche. Zum erstenmal seit seinem Pyrrhus-Sieg über den "Spiegel" durfte Strauß jetzt auf dem Boden der Freien und Hansestadt wieder öffentlich auftreten.

Zwei Jahre schien die Sehnsucht nach Hamburg den CSU-Landesvorsitzenden mehr zu verzehren als der Kummer um den verlorenen Ministersessel, Vor den Bundestagswahlen "gitterte" er an den Grenzen des Stadtstaates wie ein Tiger in seinem Käfig. Seine wahlkampfheisere Stimme drang vom schleswigholsteinischen Elbstrand stromaufwärts; kein Gasthof war ihm zu klein, kein Marktplatz zu staubig – wenn er der verheißenen Stadt nur nahe war. Doch Hamburgs Christliche Demokraten kannten kein Mitleid, sie waren sich selbst am nächsten. Mit demoskopischer Präzision hatten sie den Grad der Abneigung gegen den "Spiegel"-Stürmer ermittelt und durch ihren Wahlkampfleiter Dietrich Rollmann dekretiert: "Wir lassen Strauß nicht nach Hamburg herein."

Ungeliebter Lückenbüßer

Und nun kam er doch. Er zog den Kopf zwischen die massigen Schultern und ließ die letzte Erniedrigung über sich ergehen. Hamburgs CDU-Vorsitzender Erich Blumenfeld bedankte sich im Auditorium maximum der Universität dafür, daß der bayerische Kollege innerhalb von 24 Stunden für einen wegen wichtigerer Aufgaben verhinderten Wahlkampfredner in die Bresche gesprungen sei. Blumenfeld betonte, daß man in Hamburg früher, heute und wohl auch in Zukunft manches anders beurteile als Strauß.

Angekündigt war das Auftreten Rainer Barzels zur Bürgerschaftswahl. Dem aber schien die NATO-Debatte im Bundestag am gleichen Tag von größerer Bedeutung. Auch Franz Josef Strauß hatte sich fürs Bonner Parlament und die Weltöffentlichkeit vorbereitet. Er zog es vor, unvorbereitet, als ungeliebter Lückenbüßer, Wahlkampf für seine Gegner in der Union zu machen. In einem Anflug von Selbstironie bekannte er: "Ich konnte mich sozusagen dem stürmischen Drängen meiner Hamburger Freunde nicht entziehen, obgleich ich nicht gern unter Vorankündigung eines anderen Namens erscheine."