Von Ignaz Bender

Eingehüllt in Pfeifenrauch und Bierdunst, hockten die Männer um den Stammtisch, die Frauen entlang der warmen Ofenbank. Dazwischen einige Studenten. Im Gasthaus zum Maien in St. Wilhelm, einer abgelegenen Schwarzwaldgemeinde mit hundertfünfundneunzig Seelen, unweit vom Gipfel des Feldbergs, ist soeben der Vortrag eines Freiburger Studenten zu Ende gegangen.

Die Gesichter der dreißig Bergbauern sind nachdenklich geworden. Was sie hörten, hatte ihnen noch niemand so unvermittelt und anschaulich darzulegen versucht. An Hand von Lichtbildern mußten sie erfahren:

  • daß das Bildungswesen der Bundesrepublik im Vergleich zu den anderen Industrienationen einen untergeordneten Platz einnimmt;
  • daß das Nachbarland Frankreich schon vor fünf Jahren doppelt so viele Abiturienten und Schüler mit mittlerer Reife entlassen konnte wie die Bundesrepublik;
  • daß die USA heute schon achtzig Prozent ihrer Jugendlichen bis zum achtzehnten Lebensjahr in Vollzeitschulen ausbilden und sich anschicken, die Schulzeit noch um zwei weitere Jahre zu erhöhen, während bei uns um die Einführung des neunten und zehnten Schuljahres gerungen wird;
  • daß vor dem Zweiten Weltkrieg Deutschlands Lizenzbilanz ausgeglichen war, während heute die Bundesrepublik für den Ankauf ausländischer Erfindungen jährlich 500 Millionen DM zuschießen muß;
  • daß die Ursache dieses Bildungsdefizits unter anderem darin zu sehen ist, daß die Bundesrepublik im Vergleich zu ihren Nachbarländern zu wenig junge Menschen an weiterführenden Schulen ausbildet, vor allem an Mittelschulen (Realschulen) und Gymnasien;
  • daß Landbevölkerung und Arbeiterschaft im Verhältnis zu anderen sozialen Gruppen (wie Angestellten und Beamten) nur wenig Kinder an weiterführenden Schulen ausbilden und an den Hochschulen mit zwei bis fünf Prozent der Studenten den geringsten Anteil stellen, obwohl Landbevölkerung und Arbeiterschaft zusammen fast zwei Drittel der Bevölkerung der Bundesrepublik ausmachen;
  • daß die Kinder, die heute sechs bis zehn Jahre alt sind, im Jahre 2000, wenn sie im vierzigsten bis vierundvierzigsten Lebensjahr stehen, in einer Arbeitswelt leben werden, in der an jedem Platz, gleichgültig ob in der Landwirtschaft oder Industrie, ein Mehrfaches an Wissen, Urteilsvermögen, Anpassungs- und Umstellungsfähigkeit verlangt wird als in der Welt von gestern und heute.

Und deshalb, so hatte der Redner mit seinem Appell an die Eltern geschlossen, sei es heute mehr denn je erforderlich, jedem Kind die seiner Begabung entsprechende Ausbildung zu ermöglichen.

Der Vortrag hat Eindruck gemacht. Die Zuhörer spenden Applaus. Dann ergreift der Bürgermeister das Wort. Er ist stolz darauf, daß die Studenten auch in seine Gemeinde mit der kleinsten Einwohnerzahl im ganzen Landkreis gekommen sind. Denn hier stehe es um die Ausbildung sehr schlecht. Von den fünfunddreißig Schulkindern des Dorfes sei ein einziger Schüler bei den Herz-Jesu-Priestern im Internat, die übrigen besuchten die einklassige Dorfschule. Und der junge Lehrer ergänzt, daß nach seiner Auffassung fünfzig bis sechzig Prozent der Kinder des Dorfes für eine weiterführende Schule geeignet seien. Aber die nächste Mittelschule sei zwanzig Kilometer entfernt, desgleichen das nächste Gymnasium. Und von Verkehrsverbindungen könne schon gar keine Rede sein. „Mer müßt halt e Mittelschul in der Näh’ habe“, kommt ein Zwischenruf von der Ofenbank, „un e Buslinie, die nit uf de Berufsverkehr, sundern Auf d’ Schulzit abgstimmt isch.“

Zwei Stunden lang wird diskutiert. Dann herrscht Einigkeit. Der Bürgermeister erhält von den Versammelten den Auftrag, im Verein mit seinen Kollegen aus den umliegenden Gemeinden die Gründung einer Mittelschule im nahegelegenen Kirchzarten anzuregen. Die Frauen wollen versuchen, solange keine besseren Verkehrsverbindungen bestehen, mit privaten Fahrzeugen die Kinder abwechselnd zur Mittelschule oder zum Gymnasium zu fahren.