Zwei sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete, Willy Berkhan und Dr. Erhard Eppler, haben vom 14. Februar bis 12. März im Auftrage ihrer Fraktion eine Asienreise unternommen. Der Schwabe Eppler – Jahrgang 1926, von Beruf Gymnasiallehrer, seit 1961 im Bundestag, wo er dem Finanzausschuß und als stellvertretendes Mitglied dem Auswärtigen Ausschuß angehört – formuliert hier seine Reise-Erfahrungen

Wenn ein Südvietnamese das Bedürfnis hat, einem Deutschen etwas besonders Freundliches zu sagen – und glücklicherweise hat er dieses Bedürfnis nicht selten –, so erinnert er ihn an das gemeinsame Schicksal der beiden Völker: beide seien geteilt, beide vom Kommunismus bedroht, für beide hätten sich die Vereinigten Staaten zum Schutz der Freiheit engagiert. Nicht jeder Deutsche wird sich durch diesen Vergleich geschmeichelt fühlen.

In der Bundesrepublik regieren vorläufig noch nicht, wie in Vietnam, 35jährige Generale – als letztes Aufgebot, nachdem der unablässige Wechsel mehr oder minder autoritärer Regime eine Führungsschicht nach der andern verschlissen hat. Die Amerikaner haben in Deutschland keineswegs die Aufgabe, eine brüchige innere Ordnung mit allerlei Korsettstangen zu stützen, sie sind da, weil die Mehrheit der Deutschen sie – aus Gründen der äußeren Sicherheit – hier haben will. Niemand in Deutschland denkt an Bürgerkrieg; und schließlich sind es in Deutschland die Kommunisten, die sich vor freien Wahlen im ganzen Lande fürchten, nicht die politischen Kräfte der Bundesrepublik. In Deutschland gibt es zumindest zwei solide gebaute und einigermaßen wetterfeste demokratische Parteien, in Südvietnam vegetieren – nach Auskunft von Ministerpräsident Ky – 68 politische Parteien, die man wohl besser als politische Stammtische bezeichnen könnte. Sie sind bestenfalls Ausdruck einer von Krieg und Bürgerkrieg, Angst und Druck atomisierten Gesellschaft.

In der Bundesrepublik kann man trotz aller Schwächen unserer Ordnung fast jedermann einsichtig machen, daß wir ein Stück Freiheit zu bewahren haben. Was mag der Begriff "Freiheit" für Vorstellungen wecken bei den kranken Jammergestalten in den Slums von Saigon, bei den total erfaßten Einwohnern der wohlorganisierten Wehrdörfer, bei den Reisbauern, die vor den amerikanischen Bomben sicher nicht weniger Angst haben als vor dem Terror der Vietcong?

An dieser Stelle liegt ein Kurzschluß nahe: Was geht uns Vietnam an?

Sicher sind die unzähligen politischen Fehler von 1945, 1954 oder 1959, die zu der nahezu ausweglosen Situation von 1966 geführt haben, nicht von Deutschen gemacht worden. Sicher dürfen wir uns darauf berufen – und das versteht man in Asien sehr wohl –, daß wir keine Weltmacht mehr sind und daß wir uns – im Gegensatz zum letzten deutschen Kaiser – durchaus weltpolitische Entscheidungen vorstellen können, zu denen wir nichts, gar nichts, beizusteuern haben.

Aber all diese Gründe stechen nur, soweit es sich um ein militärisches Engagement handelt. Wir waren sehr froh, daß der Wunsch nach einem militärischen Beitrag der Bundesrepublik in Vietnam uns gegenüber nur ein einziges Mal geäußert wurde, und dann mit dem Zusatz, man respektiere unsere ablehnenden Gründe. Offenbar haben sich die Amerikaner damit abgefunden, daß es keine deutschen Soldaten in Vietnam geben wird, und mancher hat uns versichert, daß auch für ihn die politischen Nachteile einer solchen Aktion die militärischen Vorteile überwögen.