Schon zu Lebzeiten erreichte Andersen hierzulande respektable Auflagen, fand Freunde und Begeisterung, die ihm im eigenen Lande nur zögernd zuteil wurden. Bis heute blieb er einer der wenigen, dem die Menschheit verziehen hat, daß er ein Leben lang ein Kind blieb. Zu den bisherigen Gesamtausgaben des Manesse Verlages (Zürich), der Schweizer Büchergilde Gutenberg und der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung (Leipzig) stellt seit zwei Jahren der Verlag Ellermann eine weitere Gesamtedition –

„Andersens Märchen – Märchen und Historien“; Verlag Heinrich Ellermann, München; Band I 312 S., Band II 285 S., Illustrationen von Gerhard Oberländer, je Band 19,80 DM.

Im Herbst dieses Jahres und 1967 werden ein dritter und vierter Band nachfolgen. Zwischen den für Kinder nicht unbedingt anziehenden Klassiker-Ausgaben und den Legionen von Kinder und Jugendausgaben halten die Ellermann-Bände eine sympathische Mitte, was Ausstattung und Preislage betrifft. Typographisch und von der Buchgestalt her segeln die Märchen Andersens im Kielwasser der schönen Grimm-Gesamtausgabe des Ellermann-Verlages. Herz, Gemüt und Sinn – auch das sublimierte Kitschbedürfnis junger und alter Leser werden voll befriedigt, denn Andersen war einerseits ein Genie des „Animismus“, belebte auf phantastische Weise die leblose Umwelt, ließ in modernem Vorgriff Haushaltsgeräte und Möbel miteinander Konversation treiben, blieb andererseits auch nicht frei von einer Art süßen Gefühlsüberschwangs, die heute leicht Allergien erzeugt.

Doch er blieb ein Klassiker, nehmt alles nur in allem. Gerhard Oberländers schwarzweiße und farbige Zeichnungen stehen den Texten nicht sonderlich im Wege. Oberländer ist durch überreiche Aufträge und schöne Vorleistungen in Bilder-, Märchen- und Kochbüchern zu versiert, um in die sonst so beliebten und verbreiteten graphischen Schlenker zu verfallen.

In Andersens Leben waren Realität und Mythenwelt so eng ineinander verwoben, daß der Dichter selbst sein Dasein zum Märchen, seine Persönlichkeit zur schillernden Kunstfigur umfabulierte. Jeden Winkel seines Alltags hat er durchstöbert, dem Leser durch Tagebücher, Reiseberichte, autobiographische Skizzen und Berge von Briefen jeden Einblick gewährend. Für den sekundären Biographen blieb da nicht mehr viel zu tun übrig. Das beweist erneut die jüngste Darstellung von

Monica Stirling: „Der wilde Schwan – Hans Christian Andersen, Leben und Zeit“, aus dem Englischen von S. Stahlmann; R. Piper & Co Verlag, München; 328 S., 24,– DM.

Eine historiographische Fleißarbeit, ohne Neueinsichten oder originelle Erkenntnisse. Findet sich ein geistreiches Aperçu, so stellt sich beim Gegenlesen in Andersens Schriften zu bald heraus, daß es von ihm stammt, nur in der dritten Person nacherzählt! Das Produktionsverfahren solcher Lebensbilder geht nach höchst einfachen Rezepten vor sich: Man nehme die Äußerungen des Autors, montiere sie angemessen miteinander, verbinde sie durch fortlaufende Zwischentexte, die auch des Autors reiches Oeuvre hergibt, spritze einige Mottos anderer Autoren darüber – Sören Kierkegaard und andere Väter der Existenzialphilosophie nehmen sich da recht smart aus –, füge Bildlein hinzu, binde das Ganze, und fertig ist das Buch. Eine recht kostspielige Entbehrlichkeit. Unkritisch bietet sich Andersens Lebensablauf, dem wahrhaft Ecken und Kanten nicht fehlten, auch nicht ein Schuß Ironie und Bosheit, die ihn bei seinen Reisenotizen in Hamburg während eines Liszt-Konzertes beobachten ließ: „Nicht weit von dem Platz, wo ich stand, lag in einem Sofa ein Fräulein, feist und geputzt; sie glich einem Walroß mit einem Fächer.“ Horst Künnemann