Von Nina Grunenberg

Münster

Der Weigand-Prozeß neigt sich dem Ende zu. Ob er endgültig abgeschlossen wird oder nur vorläufig, ob Dr. Günter Weigand bereit sein wird, das Urteil anzunehmen oder Rechtsmittel einlegen wird – niemand wagt eine Prognose, auch der Angeklagte Weigand nicht. Bisher erwies sich das Verfahren eher als ein Schrecken ohne Ende. Noch in der vergangenen Woche, zehn Monate nach Prozeßbeginn, nach 111 Verhandlungstagen, nach dem 14-Stunden-Plädoyer der Staatsanwälte, als der letzte der vier Verteidiger zum Finale seines Plädoyers ansetzen wollte – schien plötzlich alles umsonst gewesen zu sein. Verteidiger Müller-Voss aus Berlin eröffnete den Zuhörern, daß der Schöffe Josef Bisping, Besitzer eines Sanatoriums im Teutoburger Wald, vor seinen Gästen und seinem Friseur mit seinem Ehrenamt geprahlt und erklärt hatte, der Angeklagte Weigand sei ein Schwerverbrecher und müsse schwer bestraft werden.

Der Vorfall lag zwar schon ein Jahr zurück, war der Verteidigung aber jetzt zu Ohren gekommen und an Eides Statt versichert worden. Eine feine Bescherung. Das Gericht beriet sieben Stunden, ehe es beschloß, sich den Schöffen Bisping nicht nehmen zu lassen. Schließlich hatte er auch erklärt, solche Worte seien nie über seine Lippen gekommen. Außerdem war der einzige Ersatzschöffe schon im November wegen Krankheit ausgefallen. Ein „befangener“ Josef Bisping hätte bedeutet: Abbruch des Prozesses. Das Drama hätte noch einmal von vorn anfangen müssen.

Derartige Vorfälle als „normal“ anzusehen und nicht etwa als typisch für dieses Verfahren, kostet einige Mühe. Schließlich ist der Prozeß für alle Beteiligten, für das Gericht, die Staatsanwälte, die Verteidiger und besonders für den Angeklagten eine physische und psychische Pein. Die Emotionen sind jetzt eher noch höher aufgeladen als zu Beginn, die Fronten bleiben versteift, ein Friedensengel ist so weit entfernt wie nie zuvor. Animositäten entladen sich in ärgerlichen Disputen. So erwiderte der Vorsitzende auf den Einwand des temperamentvollen Verteidigers Falk aus Stuttgart, er lasse sich nicht anschreien: „Ich schreie Sie an, solange es mir paßt, kraft Souveränität des Gerichts.“ Darauf Falk: „Das können Sie mit mir nicht machen, mit mir nicht“. Darauf der Vorsitzende: „Das werden Sie schon noch zu spüren bekommen, was ich mit Ihnen machen kann.“

Um der Justiz in Münster „einen Nagel ins Gewissen zu schlagen“, hatte der Sozialanwalt Weigand sie so lange beleidigt, ihr übel nachgeredet und sie falsch beschuldigt, bis sie sich genötigt sah, ihm den Prozeß zu machen. Nichts anderes freilich hatte Weigand im Sinn gehabt. Nur so, meinte er, die geheimnisvollen Umstände beim Tode des Rechtsanwalts Paul Blomert noch klären zu können. Um der Wahrheit ans Licht zu helfen, hatte er die Einweisung in die Irrenanstalt in Kauf nehmen müssen. Drei Psychiater erklärten ihn im Verlaufe des Prozesses für zurechnungsfähig, acht Sachverständige untersuchten den Tod Blomerts. Sie untersuchten drei Jahre zu spät, schlossen zwar einen Mord aus, konnten aber die Unklarheiten des Falles nicht restlos aufklären. Zwei Staatsanwälte plädierten für eine „harte, aber gerechte“ Bestrafung Weigands: Drei Jahre Gefängnis – für Straftaten, die in normalen Fällen mit Geldstrafen geahndet werden. Doch „normal“ ist nun einmal dieser Prozeß nicht.

Geduldig und in akribischer Kleinarbeit versuchte die Verteidigung aus dem Angeklagten-Monstrum, das die Staatsanwälte sich aufgebaut hatten, die Luft abzulassen, gegen emotionale Reaktionen rationale Argumente zu setzen und Weigands Vorgehen verständlich zu machen. War es seine Schuld, daß er an das Absolute im Recht glaubt, und nicht glaubt, daß Richter auch Menschen sind? Daß Juristen den Tod Blomerts nicht korrekt aufklärten, weil er der Münsteraner Gesellschaft peinlich war? Muß Weigand Verständnis aufbringen für das ungeschriebene Münsteraner Gesetz zur Regelung zwischenmenschlicher Beziehungen, das Münsters ehemaliger Oberbürgermeister Busso Peus im Zeugenstand so treffend formulierte: „Auf dem Tisch muß alles sauber sein...“?