Ostberlin

Dr. Fischer forderte Anfang 1943 von mir Bekleidungsstücke für 300 Häftlinge, damit sie nicht so frieren, wenn sie auf Transport gehen“, sagte Felix Amann aus Weißenfels als Zeuge im Prozeß des Obersten Gerichtshofs der DDR gegen den ehemaligen SS-Arzt Dr. Horst Paul Silvester Fischer. „Nachdem ich diese Kleidungsstücke vormittags ausgeliefert hätte, bekam ich sie schön abends zur Desinfektion zurück. Die sie getragen hatten, waren in Birkenau ins Gas geschickt worden.“

Fischer hatte Mitleid mit seinen Opfern, bis zu einem gewissen Grad. Er hatte auch berufliche Interessen. Zeuge Felix Rausch aus Wien sagte aus: „Eines Tages wurde im Krankenbau von Auschwitz-Monowitz der beim Arbeitskommando zusammengeschlagene Manfred Ascher eingeliefert. Er konnte weder gehen noch stehen. Fischer sah ihn sich an und bestimmte, für uns alle überraschend, man solle ihn gesundpflegen. Als sich Monate später Besserung bei dem Kranken zeigte, selektierte Fischer ihn für die Gaskammer. Der Fall war für ihn ‚fachlich‘ uninteressant geworden.“

Dr. Antoni Makowski, heute Arzt in Warschau, damals Häftlingsarzt, erinnerte sich: „Bei dem schweren Luftangriff der Amerikaner im Sommer 1944 auf das Industrielager Monowitz wurden rund 200 Häftlinge getötet, mindestens ebenso viele schwer verletzt. Am Tag nach dem Angriff kam Fischer ins überfüllte Revier, erkundigte sich nach dem Zustand der Verwundeten und forderte von mir eine Liste derer, die dringend geröntgt werden müßten. Es waren zehn oder zwölf Mann. Drei Tage später kam der SS-Sanitäter Neubert mit der Liste dieser Leute und holte sie zum ‚Röntgen‘ ab. Die Röntgenstelle war die Gaskammer von Birkenau.“

45 Zeugen traten in dem Prozeß in der Ostberliner Scharnhorststraße auf. Der Angeklagte saß stumm in seiner Box, nickte manchmal wie geistesabwesend, blickte manchmal kurz auf, äußerlich ein sanfter, friedfertiger Mensch. Fast alles, was Anklage, Zeugen, Sachverständige ihm vorwarfen, gab er zu; nur hin und wieder sagte er, er könne sich nicht erinnern. Sein Schlußwort lautete: „Ich bin mir der Schwere der Verbrechen voll bewußt. Ich habe nichts verschwiegen.“

16 Tage dauerte der Prozeß, geleitet von Dr. Töplitz, dem Präsidenten des Obersten Gerichtshofs der DDR. Die Anklage vertrat Dr. Josef Streit, der Generalstaatsanwalt; Wahlverteidiger waren die Rechtsanwälte Günter Heinicke und Wolfgang Vogel, beide aus Ostberlin. Die Anklage stützte sich auf Art. 1, Buchstabe c des Status für den Internationalen Militärgerichtshof und auf den Artikel 6 der Verfassung der DDR.

Der SS-Arzt Fischer hatte sich mehr als 20 Jahre lang verborgen halten können. Am 6. April 1960 hatte die Zentralstelle in Ludwigsburg Haftbefehl gegen Horst Fischer erlassen. 1962 aber stattete Fischer, in der DDR noch unerkannt und mit einem ordnungsgemäßen Passierschein versehen, einem Schwager in der Bundesrepublik einen Besuch ab. Der Bundesgrenzschutz, der dicke Fahndungsbücher bei sich führt, ließ ihn unbehelligt die Grenze passieren. In unermüdlicher Kleinarbeit und nach Sichtung vieler tausend Akten kam man in der DDR dem Mörder von Monowitz endlich auf die Spur. Er lebte seit 20 Jahren als Landarzt in dem Dorf Spreenhagen, Kreis Fürstenwalde, Bezirk Frankfurt an der Oder. Erst nachdem er im Juni 1965 verhaftet worden war, übermittelte Ludwigsburg den DDR-Behörden die Akte Horst Fischer.