/ Von Nina Grunenberg

In der Krisenchronik der Freien Universität Berlin sind neben verbalen und demonstrativen Auseinandersetzungen zwischen Professoren und Studenten einige Bombendrohungen verzeichnet. Ein Sprengkörper explodierte tatsächlich, und zwar im Haus am Steinplatz, als die Kabarettisten Wolfgang Neuss und Hannelore Kaub vor dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) einen Vietnam-Report verlasen. So besorgniserregend dieser Vorfall auch war – was er anrichtete, war harmlos, verglichen mit jener Verheerung, die eine ganz andere Explosion verursachte: Im FU-Spiegel, der offiziellen Studentenzeitung der Freien Universität, wurden zur Feier des fünfzigsten Heftes im Februar auf den Seiten 14 bis 18 Lehrveranstaltungen der Professoren von Studenten kritisch rezensiert.

In der Vorbemerkung heißt es: „Das Unterfangen ... mag vielen Professoren wie Hohn und Spott, wenn nicht wie Anmaßung erscheinen. Bekanntlich empfindet die Mehrzahl der ‚Lehrkörper’-Angehörigen bereits die Forderung der Studenten nach funktionsfähiger Mitbestimmung in der akademischen Selbstverwaltung als unqualifiziertes Ansinnen halbunmündiger Rebellen, die dem ‚Geist der Ordnung‘ widerstreben, bar jeder ‚Sachkunde‘ sind und es überdies häufig an ‚Takt‘ fehlen lassen.“

Abgesehen von Takt und Taktik – in den Augen der Mitarbeiter des FU-Spiegels, an ihrer Spitze Chefredakteur Hartmut Häußermann, Soziologiestudent im fünften Semester, war die Vorlesungskritik „eine Selbsthilfe, die das Resultat unserer Ohnmacht ist“. Um das Wagestück weniger frivol erscheinen zu lassen, gab ihm Friedhelm Nyssen, Diplomsoziologe und Stipendiat des Instituts für Bildungsforschung, Zeugnisse aller Hochschul-Autoritäten mit auf den Weg, die sich anboten und seriös genug erschienen.

Nicht Horkheimer zog er heran, der Vorlesungen einmal als eine „säkularisierte Form der Predigt“ bezeichnete, er schlug mit Schelsky und Wilhelm von Humboldt zu: „Die Vorstellung universitärer Bildung durch Wissenschaft bezieht Humboldt auf alle an der Universität tätigen Personen“, schreibt Nyssen. „Für das ‚institutionelle Zusammenleben‘ ergibt sich daraus die Konsequenz, daß ‚für Humboldt das Leben an einer Universität eine grundsätzlich gleichberechtigte Gelehrtengeselligkeit von Professoren und Studenten darstellt‘.“ Da aber in den Mammutveranstaltungen, in denen sich heute ein Großteil des Studiums abspiele, kein sokratischer Dialog zwischen Studenten und Dozenten mehr stattfinden könne, müßten den Studenten andere Möglichkeiten geschaffen werden, die Professoren „zu befragen, zu bezweifeln, zu kritisieren“. Anderenfalls „müßte das Festhalten an den Ideen Humboldts bedeuten, diese zur Ideologie herabzusetzen“.

Klarer scheint da eine andere Begründung, nämlich die, „angesichts der... geringen Möglichkeiten, Studienreform in der Praxis voranzutreiben“, mit den Vorlesungskritiken „zumindest einen Ansatz zur Veränderung zu geben“.

Das waren die Erklärungen, dann folgte die Tat: Kritisiert wurden ein Hauptseminar des Romanisten Walter Papst, „Übungen zur französischen Aufklärung“, Note: ungenügend; eine Vorlesung von Peter Szondi über „Das lyrische Drama des Fin de siècle“, die „gut“ abschnitt; und ein Hauptseminar von Professor Mollenhauer über „Probleme einer nicht-repressiven Pädagogik“, das am besten abschnitt. „Es ist sehr schwer“, schrieb der Kritiker, „in einer kurzen Rezension von einem wirklich lebendigen Seminar einen angemessenen Eindruck zu vermitteln.“ Und: „Bekanntlich verhindert oft der autoritäre Seminarstil vieler Professoren auch dort die von Humboldt postulierte ‚Gleichberechtigung’ von Studenten und Professoren im Wissenschaftsprozeß, wo sie selbst heute noch möglich ist: in den wenigen Seminaren mit beschränkter Teilnehmerzahl. Anders in dem Mollenhauer-Seminar: Hier wurden die Chancen... wirklich genutzt.“