Der Aufsichtsrat der Hoesch AG hat den jetzt 63jährigen Vorstandsvorsitzer des Unternehmens, Dr. Ing. e. h. Willy Ochel gebeten, den Konzern noch so lange zu führen, wie es im Interesse des Unternehmens wünschenswert ist und solange es seine Gesundheit erlaubt. Solch ein Blankoscheck ist längst nicht jedem Konzernchef beschieden, aber dieses eindeutige Votum für die Ära Ochel kommt auch nicht von ungefähr.

Es gilt einem Mann, der den Erfolg wie selbstverständlich auf seiner Seite hat und dabei so ganz und gar nicht dem landläufigen Bild des erfolgsbewußten Managers entspricht. Sein liebenswürdiger Charme, seine menschliche Wärme sind es, die das Gespräch mit ihm, das er mit bedächtigen Worten in unverkennbar westfälischem Akzent führt, zunächst beherrschen.

Vor Freude strahlend überrascht er seine Gesprächspartner gern mit seinem – für einen Stahlboß sicher ausgefallenen – Hobby, dem er mit großer Meisterschaft nachgeht. Blumenphotos in zartestem Pastell – ein schillernder Tautropfen auf einer Rose, ein erstes Alpenglöckchen, das gerade die Schneedecke durchbrochen hat, oder ein vom Wind verwehter Stengel Wollgras – begeistern den Wanderer aus Leidenschaft („Rucksack auf, und dann los!“) mindestens ebenso wie den Konzernchef eine gute Bilanz.

Daß dieser beschauliche Mann, der Gedichte von Mörike und Eichendorff liest und der sich selbst als „vielleicht einen Schlag zu gutmütig“ empfindet, aber die seltene Gabe hat, in die Zukunft weisende industrielle Konzeptionen zu entwickeln und zu verwirklichen, Maßstäbe zu setzen für einen ganzen Wirtschaftszweig, rundet das Bild einer Persönlichkeit, die mehr ist als gutes Mittelmaß.

Wenn jetzt die rund 60 000 Hoesch-Aktionäre ihr Siegel unter ein Vertragswerk setzen, das das Gesicht des Hoesch-Konzerns ganz entscheidend verändert, dann besiegeln sie gleichzeitig einen Pakt mit der Zukunft. Die Aktionäre sollen ihr Placet geben für die Grundsteinlegung der neuen Hoesch AG, die nunmehr nicht nur einer der ältesten, sondern vor allem einer der größten Stahlkonzerne Europas sein wird.

Dieses Konzept trägt unverwechselbar die Handschrift von Willy Ochel, dessen unternehmerische Phantasie schon oft den Vorstellungen vieler seiner Branchenkollegen vorausgeeilt ist. Seine Idee war es, die beiden benachbarten Unternehmen Hoesch und Dortmund-Hörder Hüttenunion zusammenzuführen und gleichzeitig den bisherigen Großaktionär der Hüttenunion, die Koninklijke Nederlandsche Hoogovens en Staalfabrieken Yimuiden in die Zusammenarbeit einzubeziehen. Seit Jahren hat er dieses Ziel angesteuert, seit etwa vier Jahren hat er konkrete Vorstellungen von seiner Verwirklichung gehabt, und ohne eine Spur von Selbstgefälligkeit sieht er seinen Plan jetzt Wirklichkeit werden. „Es bot sich ganz einfach an, diesen Weg zu gehen; denn die beiden demnächst verbundenen Unternehmen passen so ideal zusammen wie kaum zwei andere.“

So resümiert der Dortmunder Konzernchef, der eigentlich schon so lange, wie er in der deutschen Stahlindustrie ein Wort mitzureden hat, die Trommel dafür gerührt hat, alle Möglichkeiten, vor allem auch die der überbetriebliche Kooperation, auszunutzen, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Hüttenwerke zu stärken.